Kategorie-Archiv: Afrika

Ein „Gaou“ in Deutschland

Ein "Gaou" in Deutschland

Stephane Kouassi (Elfenbeinküste)
Stephane"Gaou“ ist Ivorisch und bedeutet, dass sich jemand in einer Situation, an einem Ort oder in einer Kultur befindet, in der er sich nicht auskennt und verlassen fühlt. Als „Gaou“ kann ich meine Situation beschreiben, als ich mein geliebtes Côte d’Ivoire verließ um nach Deutschland zu reisen – ein kalter Sommer. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich am Goethe-Institut in Abidjan, unserer Hauptstadt, einen Deutschkurs besucht. Auch Landeskunde war im Programm. Doch wie groß war mein Schock, als ich nach Deutschland kam. Der Sommer war so kalt wie bei uns der Winter. Schrecklich habe ich meinen ersten Kontakt mit der U-Bahn in Erinnerung. Noch nie in meinem Leben war ich mit so vielen Weißen in einem geschlossenen Raum, ich fühlte mich wie ein Tropfen Wasser im Meer. Hinzu kam die Geschwindigkeit dieser Höllenmaschine, mir wurde ganz schwindelig. Und noch schlimmer, wir fuhren mehrere Minuten unter der Erde. Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Heute bin ich daran gewöhnt mit der U-Bahn zu fahren und weiß mehr über die Kultur meines Gastlandes. Nach wie vor fällt es mir aber schwer zu akzeptieren, dass in einem Restaurant die Rechnung von Mann und Frau getrennt bezahlt wird. „Zusammen oder getrennt“ wird immer gefragt, wenn man die Rechnung verlangt. Natürlich zusammen und der Mann bezahlt, so ist es bei uns Sitte. Auch kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass sich Menschen offen auf der Straße küssen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob sie dabei gesehen werden.  

Aberglaube auf Mauritius

Aberglaube auf Mauritius

Prisca Ferdinand (Mauritius)
Wenn man Mauritius hört, denkt man in Europa zuerst an Urlaub und träumt von schönem Wetter, weißen Stränden, riesigen Kokosnusspalmen und von blauem Wasser. Aber was sich hinter dieser Schönheit verbirgt, bleibt den meisten Touristen verborgen. Schon in der frühen Kindheit wird uns beigebracht, beim Spielen Regeln zu beachten. So unterbrechen Kinder auf Mauritius um Punkt 18 Uhr ihr Spiel unter den Bäumen, um die Geister der Toten nicht zu stören, die um diese Zeit dort erscheinen. Man sollte es auch vermeiden, um diese Zeit auf den Friedhof zu gehen. Denn die Toten sollen ihre Ruhe haben, außerdem ist es die Zeit des Exorzismus. Während am Morgen die Geister unserer geliebten Toten auf dem Friedhof sind, gehört der Friedhof nachts dem Satan. Vor allem in der Nacht lauern Gefahren. Denn im Schutz der Dunkelheit kann alles passieren. Deshalb wird den Kindern eine Schere unter das Kopfkissen gelegt, um sie vor dem Bösen, das sie in ihren Albträumen aufsucht, zu behüten. Auch Knoblauch und Salz sollen gegen das Böse helfen. Beides wird in ein Taschentuch eingerollt und in der Faust getragen. Die Angst vor dem Bösen setzt sich in der Jugend fort. Jugendlichen, die nachts gerne ausgehen, z.B. in die Disco und manchmal betrunken sind, wird dringend empfohlen, bei ihrer Rückkehr rückwärts ins Haus zu gehen, denn das Böse soll man lassen, wo es hingehört, nämlich draußen vor der Tür. Wer diesem Ritual nicht folgt, wird entweder schlecht schlafen oder sogar krank werden. Er wird an einer Krankheit leiden, die nicht diagnostiziert werden kann. Selbst wenn wir feiern, vergessen wir nicht unsere toten Angehörigen. Bevor wir selbst trinken, gießen wir für sie zunächst ein paar Tropfen unseres Getränks auf den Boden. Wer dies vergisst, wird sich während des Trinkens verschlucken. Gleich ob Katholik, Muslim, Hindu oder Chinese, jeder auf Mauritius kann dem Aberglauben verfallen. Auch Voodoo (Geisterglaube), ein magisch-religiöser Geheimkult der Nachfahren afrikanischer Sklaven in Haiti, bei dem sich afrikanische, religiöse Vorstellungen mit christlichen und westindischen Elementen vermischt haben, ist auf Mauritius verbreitet. Manchmal werden geschnittene Zitronen, zerbrochene Kokosnüsse, Geldmünzen und Weihrauch auf Straßenkreuzungen gesehen. Sie sind Opfergaben der Hexen an den Teufel. Wenn jemand einem anderen schaden will, kommt es nicht selten vor, dass er eine Hexe bezahlt, damit sie mit dem Teufel einen Deal macht, um der ungeliebten Person den Garaus zu machen. Auf die Frage, ob man den Teufel wirklich sehen kann, antwortete mir meine Großmutter, dass sie immer Geister sehe und mit ihnen spreche. Was erstaunlich ist, denn meine Großmutter war bibeltreu und dort stehen solche ungläubigen Dinge nicht. Vielleicht seid ihr jetzt desillusioniert, euer traumhafter Urlaubsort sieht nicht mehr so rosig aus wie vorher. Aber macht euch keine Sorgen. Ich bin dort geboren, groß geworden und bin ganz normal. Allerdings befürchte ich, dass ich meine Angst vor Geistern nie ganz überwinden werde. Egal, wo ich gerade bin, vergesse ich niemals, dass ich mich nachts nicht im Spiegel anschauen darf, weil die Geister auch im Spiegel erscheinen können. Noch schlimmer wäre es, wenn ich den Spiegel zerbrechen würde, denn dann würde ich sieben Jahre lang unglücklich werden. Jetzt versteht ihr sicherlich, warum die mauritianischen Kinder ängstliche Kinder sind. Andere Länder, andere Sitten, oder sollte ich besser sagen, andere Ängste?!

Netzwerke gegen Korruption

Netzwerke gegen Korruption

Bachir Sylla (Elfenbeinküste)
Nicht der Mangel an Nahrungsmitteln allein, sondern auch korrupte Regierungen sind die Ursache für den Hungertod unzähliger Menschen in den so genannten Entwicklungsländern . Besonders von Korruption betroffen sind die Staaten südlich der Sahara. Unter den armen Ländern der Dritten Welt sind sie die ärmsten. Die Elfenbeinküste, das Land aus dem ich komme, gehört dazu. Dabei produzieren gerade sie zwei Drittel der weltweiten Kakaoernte (Elfenbeinküste 42%, Ghana 12%), liefern die Hälfte der Robusta- Kaffee-Ernte und ein Viertel der Welt-Tee- Ernte! Hinzu kommen sieben Prozent der globalen Baumwollernte und fünf Prozent der gesamten Erdölproduktion. Habt ihr das gewusst? Die Wirtschaft der Elfenbeinküste zum Beispiel stützt sich zum großen Teil auf die Landwirtschaft, die fast 50% des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Daneben gibt es Bodenschätze wie Erdöl, Erdgas, Diamanten usw.Trotz dieses Reichtums nimmt die Zahl der Unterernährten in diesen Gebieten zu. Dies bestätigt auch die (FAO UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft) in ihrem Bericht " The State of Food Insecurity ". Darin weist sie darauf hin, dass in den Camps gegen den Hunger kaum Fortschritte erzielt werden. Woran liegt das? In vielen Ländern der Sahara gibt es Kriege oder kriegsähnliche Zustände, die begleitet werden von Korruption. Die NGO (non-governmental organization) Transparency International (TI) führt einen Korruptions- Index, der mittlerweile 180 Länder umfasst. Unter ihnen sind die Entwicklungsländer am korruptesten. Korruption ist in den Entwicklungsländern an der Tagesordnung, sie ist bereits institutionalisiert, man kennt sich untereinander und bildet Netzwerke. Die Regierungsführer nutzen den Staat als Melkkuh für ihre eigene Bereicherung, bestechen und zeigen sich bestechlich. Ohne Schmiergeld läuft gar nichts. Die politisch Mächtigen haben freie Hand in vielen Gebieten. Auch ist es kein Geheimnis, dass afrikanische Präsidenten ihren gescheffelten Reichtum auf Konten in der Schweiz in Sicherheit bringen. Peter Eigen, Gründer und Vorsitzender der TI-Organisation, sagt dazu: "Der Missbrauch der politischen Macht für private Bereicherungen beraubt die Armen der Welt essentieller öffentlicher Dienste und schafft ein Niveau der Verzweiflung, welches zu Konflikten und Gewalt führt. " Das große, von seiner Regierung vergessene Volk zahlt für die von den Regierungen geschürten Konflikte den Preis. Die Sicherheitsorgane dieser Staaten sind teilweise so schwach oder korrumpiert, dass sich die Bürger nicht mehr sicher fühlen können und die Kriminalität auf den Straßen zunimmt. Doch Despotismus und Korruption gehen mit Hunger und Armut nicht nur Hand in Hand, sondern sind als ihre Hauptursache anzusehen! Deshalb ist das erste Gebot gegen den Welthunger der Kampf gegen Korruption! Um die Korruption zu bekämpfen gibt es noch viel zu tun. Korruption kostet Afrika Milliarden. Verschiedene Verantwortungen sind hier zu unterscheiden. Ein großer Teil der Verantwortung liegt bei uns selbst, ich meine bei uns Afrikanern. Afrikaner müssen selbst einen politischen Beitrag zur Verbesserung ihrer heiklen Lage leisten. Die Weichen dafür sind bereits gelegt: die neue politische Führungselite, die an die Macht kommt, versucht mit einem starken Willen mit den etablierten Korruptionspraktiken in den einzelnen Ländern zu brechen. Sie arbeitet zusammen mit mehreren nationalen und internationalen Sicherheitsorganen, um die Regierungsführung und die Beamtbestechung besser im Blick zu haben. Erste Erfolge gibt es beispielsweise in Nigeria und Südafrika. Dort wurden Bestechungen von Beamten aufgedeckt und die Täter verhaftet und verurteilt. Dazu kommt eine notwendige Veränderung der Rechtslage. Ein umfassendes Netzwerk im Kampf gegen Korruption wird aufgebaut. Einen großen, nicht zu vernachlässigenden Teil der Verantwortung für die schlechte Wirtschaftslage Afrikas tragen auch die den Weltmarkt beherrschenden, multinationalen Unternehmen der reichen westlichen Industriestaaten. Denn sie haben die Praxis der Korruption systematisch in die afrikanischen Länder hineingetragen. Es liegt in erster Linie an ihnen, faire Handelsbedingungen zu etablieren. Bislang hat Afrika, das doch über große Ressourcen an landwirtschaftlichen Erträgen und Bodenschätzen verfügt, auf dem Weltmarkt nur einen Marktanteil von knapp 1,5 Prozent. Auch ist für die hoch verschuldeten afrikanischen Länder überlebensnotwendig, dass ihnen ihre Schulden erlassen oder geringere Tilgungsraten gewährt werden.