Kategorie-Archiv: Europa

Ehrenamtliche Mitarbeit in der JVA

Ehrenamtliche Mitarbeit in der JVA (Justizvollzugsanstalt)

Izabela Zielinska (Polen)
IzabelaIch bin im 3. Semester und studiere Diplompädagogik an der Uni Frankfurt. Meine ehrenamtliche Arbeit kann ich teilweise auch für das Einführungspraktikum im Grundstudium verwenden. In meinem Heimatland Polen habe ich bereits eine Lehre als Fotografin abgeschlossen. Demnächst möchte ich anfangen, in der Bewährungshilfe zu arbeiten. Fotos hinter Gittern Ich warte vor der Pforte eines Jugendgefängnisses. Bevor ich hineingelassen werde, muss ich meinen Ausweis abgeben. Weil ich auf der Liste der Ehrenamtlichen stehe, geht das Tor für mich auf. Einer von den Beamten lässt mich rein. Das ehemalige Kloster ist ummauert und mit Stacheldraht gesichert. Seit 1939 befindet sich hier die Justizvollzugsanstalt für männliche Jugendliche. Es ist sehr still hier. Jetzt schon, hinter der ersten Tür, fühle ich mich von der Außenwelt abgegrenzt. Der Weg an der Mauer entlang führt uns zu dem nächsten Tor. Mit einem der vielen Schlüssel wird es aufgemacht, nachdem ich hindurchgegangen bin, befinde ich mich in einem kleinen Hof. Der Beamte bringt mich zu weiteren Toren, die er hinter mir gleich abschließt. Ich bin in der Welt der jungen Menschen, die in dem Leben eine falsche Kurve genommen haben. Ich sehe die Kameras, die rund um die Uhr das Gelände beobachten. Ich lasse den Fußballplatz hinter mir und stehe vor einem der Häuser, in dem die strafgefangenen Jugendlichen wohnen. Vor jedem Haus befindet sich ein Platz, der eingezäunt ist und auf dem die Freistunde stattfindet. Ich schaue mich um. Jedes Gebäude sieht gleich aus: Ziegel, Fenster, Gitter... Die Aussicht wird durch die Mauern begrenzt. Es ist sehr ruhig hier. Plötzlich höre ich Rap-Musik. Die Töne kommen aus dem Obergeschoss. Der Beamte begleitet mich bis zu der Station. Der lange Korridor der Station ist in drei Bereiche geteilt. Zwei davon sind abgesperrt und für Zellen bestimmt. Im mittleren Teil befinden sich der Raum für die Beamten, die Zimmer für die Sozialarbeiter, zwei freie Räume und die Küche. Im Zentralpunkt ist ein offener Raum, in dem sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit treffen können. Als ich eintreffe, sind die Zellen gerade aufgeschlossen worden. Der Abend bringt Bewegung ins Haus. Es wird geredet, gespielt und gekocht. Es ist so wie in der Pause nach dem Unterricht. Während ich auf den mich betreuenden Sozialarbeiter warte, bleiben die Jungs bei mir stehen und fragen neugierig, wer ich bin und was ich hier mache. Sie sind freundlich, und meine Unsicherheit ist nicht mehr so stark. Ein paar von den jungen Männern kenne ich bereits von dem Weihnachtsfest (mein erster Besuch in der Anstalt). Wir kommen ins Gespräch. Es ist schwer zu glauben, dass die netten Jungs Schwerverbrecher sind. Was für ein Schicksal hat sie hierher geführt? Was haben sie getan, dass sie ein Teil ihres Lebens nun hinter Gittern verbringen müssen? Jetzt haben sie sich in Gruppen versammelt, spielen und lachen zusammen. Man sieht gleich, dass mehrere Nationalitäten hier aufeinander treffen. Das Schicksal hat sie zusammengeworfen. Mein Betreuer, der Sozialarbeiter und Leiter des Kurses, holt die Jugendlichen, die zur FOTO AG gehören. Der Fotokurs existiert neben den anderen Freizeitangeboten seit vielen Jahren. Ab heute gehöre ich dazu. Im Untergeschoss befindet sich eine kleine Dunkelkammer, in der die Kursteilnehmer ihre Schwarz-Weiß-Fotos entwickeln. Der Fotokurs ist wie eine „Insel“, auf der sich verschiedene Charaktere treffen, das soziale Lernen, die Gruppenarbeit hat Priorität, und es besteht die Möglichkeit zum freien Gespräch. Die Häftlinge lernen hier nicht nur die Entstehungsprozesse der Fotografie kennen,sondern auch die Grundsätze der Gruppenzugehörigkeit. Ich bin nun seit einem Jahr dabei und stehe dem Fotokursleiter und den Jungen zur Seite. Zusammen entwickeln wir neue Ideen und Themen für die „Fotos hinter Gittern“.Fotos hinter Gittern Die Jugendlichen haben in der Zeit viele Tricks der Fotografie kennen gelernt. In einer netten, freundlichen Atmosphäre gestalten wir sinnvoll die Freizeit. Obwohl es zu ständig wechselnden Teilnehmern kommt, z. B. wegen Entlassungen, schafft es die Gruppe immer wieder zusammenzuwachsen. Ich bin gerne dabei und mit Begeisterung beobachte ich die Entwicklung in den Gruppenprozessen. Während meines Praktikums im Jugendgefängnis habe ich eine mir unbekannte Welt kennen gelernt und bin jungen Menschen begegnet, denen ich in meinem Leben sonst nie begegnet wäre. Dadurch habe ich Zugang zu ihrer Wirklichkeit bekommen. In Einzelgesprächen, die ich seit ein paar Monaten führe, habe ich viel über das Leben hinter Gittern erfahren und über die Lebensgeschichte meiner Probanden* gehört. Aus den Kontakten lerne ich viel über die Jugendlichen und weiß, dass hinter der „bösen Fassade“ ein oft verletzter und vom Leben enttäuschter, einsamer Mensch steht. Ich wünschte, sie könnten aus der Schattenseite des Lebens heraustreten, Möglichkeiten für sich sehen und das Gute erleben. Leider haben viele von den jungen Männern ihre Hoffnung schon aufgegeben, und sehen keinen Ausweg. Unsere Aufgabe ist es, sie aufzuwecken und wieder in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. *Fachbegriff für die zu betreuenden Personen im Rahmen der Resozialisierung

Ein Uruguayer bei Schalke 04

Gespräch mit Dario Rodriguez - ein Uruguayer bei Schalke 04

Veronica Hellinger (Uruguay)
VeronicaFußballspielen im Ausland: Ein spannender und lukrativer Beruf mit Kehrseiten     Für einen Südamerikaner in Europa Fußball spielen zu können, ist eine Krönung im buchstäblichen Sinne: zum einen ist es eine Ehre unter den Besten zu sein, zum anderen ist es ein lukrativer Job. Aber eine Krone hat auch ein Gewicht, das manchmal schwer zu tragen ist. Hinter den Spielen, den Toren und den Triumphen verbirgt sich eine schwierige Situation, die die ausländischen Fußballspieler und ihre Familien bewältigen müssen. Denn sie sind in einem fremden Land und müssen sich in einer neuen Kultur zurechtfinden. Besonders schwierig ist diese Situation für Spieler, die von weit her kommen, weil der Unterschied zwischen den Kulturen und dem Denken so riesig ist, dass man schon von unterschiedlichen Welten und nicht nur von unterschiedlichen Ländern sprechen kann. Dario Rodriguez (30) ist ein gutes Beispiel dafür. Er kommt aus Uruguay und spielt seit 2002 bei Schalke 04. Erfolgreich ist er jedoch nicht nur als Mittelfeldspieler, sondern auch im Leben. Nach drei Jahren beherrscht er die Situation in Deutschland. Doch am Anfang war es nicht so einfach, gibt er zu. Als er von seinem Manager sein zukünftiges Ziellanderfuhr, war der Schock groß. Denn Deutschland war in seinen Vorstellungen weit weg, fremd, kalt und grausam wie in den Kriegsfilmen und die Deutschen zurückhaltend und verschlossen. Eigentlich wäre er lieber in Uruguay geblieben, aber die Herausforderung in einer der besten Mannschaften zu spielen war doch groß. Nach den bürokratischen Formalitäten und den ersten Kontakten per Telefon kam der erste Besuch in Deutschland und dann die Nervösität: Während der Vorstellung und der ersten ärztlichen Untersuchungen ist man nervös und aufgeregt. Man muss diese Prüfung bestehen, um in der Mannschaft bleiben und um den Vertrag unterschreiben zu können, sagt Dario Rodriguez. Danach, wenn man alles hinter sich hat, kann man feiern, weil der erste wichtige Schritt getan ist. Als Rodriguez die Zusage bekam, waren seine Gefühle gespalten: „Ich war glücklich, aber ich war allein mit meinem Manager hier in Deutschland und war traurig, so weit weg von der Familie zu sein, erläutert Dario Rodriguez, der vor elf Jahren eine ähnliche Erfahrung in Mexico gemacht hatte, als er bei der Mannschaft Toluca spielte. Allerdings hatte er damals einen Vorteil, denn er musste nicht gegen die Sprachbarriere ankämpfen. Das ist übrigens auch der Grund, warum die meisten Fußballspieler aus Uruguay Spanien oder Italien als Zielland wählen würden. Denn die Ähnlichkeit zwischen den romanischen Sprachen (Spanisch und Italienisch) ist sehr groß. Aber nichts ist unmöglich und Rodriguez lernte sofort Deutsch, als er mit seiner Frau in das Land kam. Ich war nicht gezwungen, Deutsch zu lernen. Es war nur ein Vorschlag, den ich angenommen hatte, und es hat mir viel geholfen, erklärt er. Parallel dazu lernt man das Land, seine Leute und seine Kultur kennen. Als Fußballspieler fand Dario Rodriguez diese neue Umgebung nicht so anders als sonst, weil nach seinen Aussagen die Bedingungen in den Spielen, während der Vorbereitung und in der Intimität der Gruppe überall dieselbe seien: Man weiß genau, was man im Feld machen muss, man muss dabei sehr konzentriert sein und hinter den Kulissen ist es wie in der Schulklasse, in der es immer sowohl einen fröhlichen als auch einen schüchternen, einen lustigen und einen langweiligen Mitschüler gibt.“Privat hatte Dario Rodriguez viel zu entdecken und seine Vorurteile zu überprüfen. So lobt er die Effizienz der deutschen öffentlichen Systeme, in denen alles funktioniert, die Pünktlichkeit, den Gerechtigkeitssinn und die Ehrlichkeit der Deutschen. Mit der Zeit konnte er das Klischee über den zurückhaltenden und verschlossenen Deutschen widerlegen: Es war eine angenehme Überraschung für mich zu entdecken, dass die Deutschen sehr nett, gastfreundlich und vertrauensvoll sind. Vielleicht brauchen sie ein bisschen mehr Zeit als die Südamerikaner, um ihre Gefühle zu zeigen, aber wenn es dann so weit ist, wisse man, dass man einen Freund für das ganze Leben habe, meint er. Bemerkenswert ist, dass die Familie, besonders die Frauen der Fußballspieler, im Ausland unter Einsamkeit und Abhängigkeit von ihren Gefährten leiden, und für Rodriguez Frau war es nicht anders, bevor ihr Kind vor eineinhalb Jahren auf die Welt kam. Rodriguez weiß um das Opfer seiner Frau, die ihr Studium abbrach, um mit ihm zusammen nach Deutschland zu gehen. Er denkt schon daran, daß es Zeit wird, an ihre Projekte zurückzukehren, wenn seine Karriere als Fußballspieler beendet sein wird: Ich werde alles tun, um ihr zu helfen und um sie zu unterstützen, wenn sie mir sagt, dass sie weiter studieren möchte.“ „Wollen ist Können, sagt man, und deswegen kann Dario Rodriguez auch mit den Kehrseiten dieses spannenden und lukrativen Berufs umgehen. Aber es gibt noch zwei Punkte in diesem Anpassungsprozess, an die sich die uruguayische Familie nicht gewöhnen kann, und zwar an das deutsche Essen und das Wetter in Deutschland. Bei mir essen wir uruguayische Gerichte, die viele Gemeinsamkeiten mit der italienischen und spanischen Küche haben, erklärt Dario Rodriguez. Außerdem behält er stolz seine typische uruguayische“ Gewohnheit, Mate zu trinken, bei. Ich könnte nie ohne Mate leben. Besonders morgens fehlt mir etwas, wenn ich kein Mate trinke, sagt er. Außerdem vermisst er die Sonne. Dario Rodriguez’Vertrag bei Schalke 04 ist gültig bis Ende dieser Saison (2006) und man kann noch nicht wissen, welche Mannschaft in Zukunft auf ihn warten wird. Aber das wichtigste im Moment ist für ihn die Saison mit dem rechten Fuß anzufangen, weil die ersten Spiele sehr wichtig sind, um einen guten Platz in der Tabelle der Bundesliga zu erreichen, sagt er zielbewusst. Sein anderes Ziel für diese Spielzeit ist als Fußballspieler der uruguayischen Nationalmannschaft Uruguay in der Weltmeisterschaft noch einmal repräsentieren zu können. Bis jetzt ist Uruguay zweimal Weltmeister (1930, 1950) gewesen. Doch im Moment steht es auf dem 5.Platz in der Qualifikationstabelle von der nur die ersten vier Länder an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen dürfen. Aber trotzdem ist noch nicht alles verloren. Es gibt noch Chancen darauf und wir werden alles tun, um 2006 in Deutschland dabei zu sein. Ich spüre, dass wir es noch schaffen können, sagt er kämpferisch. Das Trikot der Nationalmannschaft anzuziehen sei eine Ehre, deswegen fühlt man, dass man alles für die Heimat im Feld lassen muss. Die Heimat spielt für Dario Rodriguez eine große Rolle, dies erkennt man daran, dass er noch regelmäßig seine alten Freunde besucht, wenn er nach Uruguay fliegt. Trotz seines Erfolgs und seines Ruhms hat er seine Wurzeln nicht vergessen.

Wandernde Identität

Wandernde Identität

Ruben Garcia Bruna (Spanien)
Ruben GarciaNeben den Voraussetzungen eines Hochschulabschlusses muss man viele Hürden überstehen, wenn man im Ausland studieren möchte. Ehrlich gesagt, bin ich hier ein Privilegierter: Meine mehrjährige Erfahrung in Deutschland ermöglicht mir eine gewisse Beherrschung der Sprache, Kenntnisse der sozialen Gewohnheiten und des akademischen Systems. Denn ich kam schon als Erasmus- Student nach Deutschland, genauer gesagt nach Bamberg. Außerdem habe ich durch meinen Status als EU-Bürger viele Vorteile, die mir meinen Aufenthalt in Deutschland erleichtern. Mein erster Eindruck von Frankfurt war nicht besonders positiv. Zwar hatte diese Stadt, ihre Universität und ihre Tradition in den Sozialwissenschaften eine große Anziehungskraft auf mich, trotzdem fand (und finde) ich die Main-Metropole im Vergleich zu den traumhaften Städten in Bayern hässlich, durcheinander und einigermaßen identitätslos. Trotz dieser kritischen Punkte entschied ich mich aber für die Uni-Frankfurt, da sie eine enorme Forschungsfreiheit bietet und diese sehr gut zu meiner unabhängigen Arbeitsweise passt. Meine Zeit in Deutschland hat mein Leben tief verändert und wesentliche Auswirkungen auf meine Lebenspläne und meine Weltanschauung gehabt. Zunächst ist auffällig, dass mein ursprünglich gedachtes Erasmus-Jahr zu einem viel längeren Aufenthalt geworden ist. Interessanterweise klingt das sehr ähnlich wie die Geschichte der Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre in Deutschland, die mit dem Vorsatz gekommen sind, nur eine begrenzte Zeit zu bleiben und letztendlich länger geblieben sind, in einigen Fällen das ganze Leben. Ähnlich erlebe ich tiefgreifende Veränderungen in meinem Charakter und meiner Identität. Niemals war ich ein überzogener Nationalist (außer wenn es um Rotwein ging!), im Gegenteil, ich habe eher immer Kritik an meiner Heimat geübt. Bereits mit meinemUmzug nach Deutschland erfuhr ich jedoch eine kleine Identitätskrise und heute führe ich ein Doppelleben zwischen Spanien und Deutschland. Wenn ich in Spanien bin, vermisse ich Deutschland, und wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich Spanien. Außerdem sehe ich Spanien nicht mehr so kritisch, da ich dieses Land aus einer anderen Perspektive analysieren kann und damit seine Transformationen und Entwicklung in den letzten 30 Jahren besser auswerten kann. Ich führe nicht zwei Leben, die parallel laufen, sondern ein Leben, das zwei Seiten zeigt: Einiges an mir ist deutsch geworden, anderes immer noch spanisch geblieben. Natürlich habe ich Sehnsucht und ich bin eher Spanier, wenn das überhaupt was zählt. Sowohl in Spanien als auch in Deutschland wird mir immer dieselbe Frage gestellt: Was machst du nach deiner Promotion? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu geben. Sicher stehen viele der ausländischen Studenten der Uni-Frankfurt vor derselben Frage. Wer weiß, vielleicht sind wir eine privilegierte Gruppe in einer dynamischen Welt, die zu unklaren Grenzen und sich schnell ändernden Prozessen neigt, und daher können wir diese Neuheiten besser verstehen und uns daran besser anpassen. Vielleicht aber auch nicht, und wir sind eher Schiffbrüchige ohne Kurs in einer Welt, die wir nicht mehr verstehen können, und die uns nicht mehr verstehen wird. Nur eine Sache bleibt sicher: Egal wo ich lebe, werde ich eine starke Beziehung mit meiner Doppelheimat Spanien-Deutschland haben.  

Hund

Hund

Xinrong Guo (China)
XinrongWas taucht in Ihren Gedanken auf, wenn Sie an Deutschland denken? Sicher Bier oder Fußball. Was mich betrifft, denke ich sofort an Hund. Vielleicht versetzt Sie diese Antwort in Erstaunen. Doch während China die östliche Kultur vertritt, ist Deutschland ein typischer Vertreter des Abendlandes. Wegen dieser großen Kluft der Kulturen gerate ich häufig in Schwierigkeiten, seitdem ich in Deutschland wohne. Zunächst habe ich ein sprachliches Problem. Dazu kommen geographische Schwierigkeiten, nämlich die Namen von Straßen und damit die Orientierung zu behalten. Aus diesem Grund ist es meiner Meinung nach ein „Muss“, immer einen Kompass mitzunehmen. Außerdem werde ich gemäß dem Sprichwort „Aller Anfang ist schwer“, mit vielen kleinen Problemen konfrontiert. Im Laufe der Zeit verschwinden diese Probleme aber. Trotzdem gibt es noch ein riesiges Problem, das ich einfach nicht besiegen kann: HUNDE! Ich habe Angst vor Fleischfressern, und der Hund ist selbstverständlich keine Ausnahme. Ich möchte vor allem betonen, dass ich Hunde nicht hasse. Ich sehe sie mir sogar gerne an. Nachdem der Besitzer dem Hund einen Befehl gegeben hat, macht er genau das, was man ihm sagt, wie ein braves Kind. Was ehrlich ein Wunder ist! Da lacht mir das Herz. Aber wenn der Hund dann zu mir kommt, schlägt mein Herz bis zum Hals, egal wie nett und hübsch er ist. Es passiert automatisch, dass ich auf einen Hund mit Stress reagiere. Der Grund liegt wahrscheinlich in der unterschiedlich kulturellen Erziehung. Ich halte immer eine bestimmte Distanz zu Hunden, weil sie auf mich ein bisschen gefährlich wirken. Am Anfang meines Aufenthalts in Deutschland wies ich die Hundebesitzer auf meine Angst hin, wenn ich an ihren Hunden vorbeigehen musste. Anders als ich erwartet hatte, warfen die Besitzer mir dann manchmal kritische Blicke zu, was mir unangenehm war. Da ich mit derartigen Situationen jeden Tag konfrontiert werde, muss ich mir so schnell wie möglichetwas einfallen lassen. Ich habe zwei Alternativen: entweder einen Umweg gehen, sobald ich einen Hund sehe, oder mir ein Herz fassen und weitergehen, so als ob ich keinen Hund gesehen hätte. Liebe Freundinnen und Freunde, das hier geschilderte Problem ist eigentlich nicht mein Fehler. Ich möchte auch nach dem Grundsatz leben, „when you are in Rome, do as a Roman“, aber ich bin leider nicht in der Lage, ohne Angst weiterzugehen. Meine Situation ist wissenschaftlich erklärbar. Wie ein Philosoph berichtet, wird ein großes Tier kaum unserer Aufmerksamkeit entgehen, denn es bedeutet in aller Regel nichts Gutes. Taucht dieses große Tier jedoch regelmäßig in unserer Umgebung auf, ohne dass etwas Schlimmes passiert, so verschwindet selbst ein so großes Tier zunehmend aus unserem Bewusstsein. Das heißt, wenn Sie einen auf der Straße gehenden riesigen Hund sehen, beansprucht er vielleicht nicht Ihre Aufmerksamkeit, während jedoch meine Aufmerksamkeit ganz auf ihn gerichtet ist. Stellen Sie sich vor, Sie würden Birma besuchen. Meiner Einschätzung nach werden Sie sich dann beim Anblick eines Elefanten auch nicht so verhalten, als würden Sie einen Hund sehen, dessen Anblick Ihnen zu Hause vertraut ist. Vielleicht können Sie sich jetzt in meine Lage versetzen und mich ein bisschen verstehen. Es besteht kein Zweifel, dass das Problem weder die braven Hunde noch ihre Besitzer betrifft, sondern meines ist. Ein solches Problem zu überwinden ist nicht so einfach. Ich brauche dafür Zeit und muss mich an den Anblick von Hunden gewöhnen. Frankfurt ist eine internationale Metropole. Viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Religionen leben hier zusammen und sind in der Lage, freundlich miteinander umzugehen. Deswegen dürfte es auch nicht so schwer sein, dass Hundebesitzer ein bisschen mehr Rücksicht auf Leute wie mich nehmen, die Angst vor Hunden haben. Zumindest sollten sie keine unangenehmen Blicke auf Menschen werfen, die sich nicht trauen, an ihren Hunden vorbeizugehen.

Gepackte Koffer

Gepackte Koffer

Eliza Lupu (Rumänien)
ElizaWenn mir jemand gesagt hätte, dass ich in zwei Jahren in Deutschland leben würde, hätte ich darauf erwidert, dass er spinnen würde. Als mein Freund mich eingeladen hatte, ihn zu besuchen, dachte ich mir: wieso nicht?! Damals bin ich davon ausgegangen, dass ich Deutschland besuchen würde und anschließend wieder nach Hause fahren würde. Also habe ich meinen Koffer gepackt und bin nach Bukarest gefahren, um von dort nach Frankfurt zu fliegen. In der Schule hatten wir schon gelernt, dass Frankfurt den zweitgrößten Flughafen Europas hat. Als ich das Flugzeug verließ, konnte ich nachvollziehen, was das bedeutet. Natürlich habe ich mich verirrt, aber glücklicherweise konnte ich Englisch und nach zehn langen Minuten habe ich den richtigen Weg gefunden. Erste positive Erfahrungen machte ich beim Verlassen des Flughafens. Die Autobahn und der Verkehr im Allgemeinen waren ein Traum. Um mich besser zu verstehen, sollte man einmal nach Rumänien mit dem Auto reisen. In den anschließenden Wochen waren für mich die Ordnung, Sauberkeit der Straßen und Höflichkeit der Deutschen eine weitere angenehme Überraschung. All diese Aspekte haben mir die Entscheidung leichter gemacht, hierher umzuziehen. Bedauerlicherweise habe ich nicht auch die andere Seite der Medaille berücksichtigt. Damals konnte ich kein Wort Deutsch. Da ich über gute Englischkenntnisse verfüge, dachte ich, dass es nicht so schwer sein könnte, mich mit anderen Menschen zu verständigen. Das war ein Irrtum. Trotz der Tatsache, dass fast jeder auf der Straße das Wort „Sorry“ benutzt, sind nur sehr wenige Deutsche der englischen Sprache mächtig. Zusätzlich gibt es hier diese seltsame Angewohnheit, fremdsprachige Filme zu synchronisieren. Als Folge bin ich nie allein aus dem Haus gegangen. Ich war immer in Begleitung einer Person, die Deutsch sprach. Des Weiteren hat mich die Tatsache erstaunt, dass sich die Leute sehr schnell über Kleinigkeiten beschweren. Trotz alledem kann ich nicht sagen, dass ich einen Kulturschock erlebt habe. Ich finde die deutsche Kultur und die deutsche Sprache sehr reich und sehr interessant und, um ehrlich zu sein, ich kann es kaum erwarten Goethe und Schiller in ihrer Muttersprache zu lesen.

Tiefgekühlt

Tiefgekühlt

Elena Agapova (Russland)
ElenaViele Menschen haben heutzutage die Möglichkeit ins Ausland zu fahren. Die Ziele einer solchen Reise sind unterschiedlich. Man fährt als Tourist, Student, Arbeiter oder als Immigrant. Jedes Mal bekommt man einen besonderen Eindruck von einem anderen Land. Man kann entweder angenehm überrascht sein und positive Erfahrungen sammeln oder aber einen Kulturschock bekommen. Was mich angeht, möchte ich im folgenden Text eigene Eindrücke von meinem Aufenthalt in Deutschland beschreiben. In diesem Jahr habe ich mich entschieden in Deutschland zu studieren, aber schon früher war ich aus beruflichen Gründen ein paar Mal in diesem Land. Damals erschien mir alles schön und freundlich, weil Deutschland das Land war, das ich unbedingt kennen lernen wollte. Deswegen war ich ziemlich euphorisch und offen für alle Informationen, Erfahrungen und Eindrücke, die ich bekommen konnte. Für einen längeren Aufenthalt in Deutschland bin ich vor sieben Monaten hierher gekommen. Seitdem habe ich mehr Gelegenheiten gehabt, wenn auch nicht das ganze Land, so doch einige Städte und ihre Bewohner kennen zu lernen. Obwohl ich bereits einige Unterschiede zwischen der deutschen und der russischen Kultur bemerkt habe, würde ich meine Eindrücke nicht als Kulturschock bezeichnen. Schon früher habe ich viel über dieses Land gelernt und gelesen, deswegen hatte ich nicht die große Erwartung, dass Deutschland meine Heimat komplett ersetzen könnte. In Deutschland trifft man sehr selten auf aufrichtige russische Freigiebigkeit, Mitleid und menschliches Verständnis. Hier muss man alles sparen: jeden Wassertropfen, Strom und Lebensmittel. Man zeigt wenig Hilfsbereitschaft und eigene echte Gefühle. Solche Sparsamkeit kann auch ein Grund dafür sein, warum man es hier vorzieht, zu Hause gar nicht viel zu kochen. Man geht gerne in „Fast-Food“- Restaurants oder kauft Tiefkühlkost, die nur erhitzt werden muss. Deswegen vermisse ich manchmal meine nationale Küche, in der alles frisch zubereitet wird. Wenn man die Verkehrsmittel vergleicht, sind die deutschen Busse und Züge moderner, bequemer und sauberer. Aber man ärgert sich sehr, wenn sich die S-Bahn verspätet oder überhaupt nicht kommt und es keine andere Möglichkeit gibt zu seinem Ziel zu fahren. Positiv an Deutschland ist auch die Qualität der Autobahn, der Bürgersteige und der Wege insgesamt. In Russland kümmert man sich darum selten und kommt ganz langsam zum europäischen Standard. Im alltäglichen Leben ist es bestimmt möglich noch mehr Unterschiede zwischen diesen beiden Kulturen zu finden. Die Verschiedenheiten können irritieren, stören oder einfach unangenehm sein. Je länger man in einem anderen Land wohnt, desto selbstverständlicher findet man solche Ungleichheiten. Am Ende können sie sogar gefallen. Aber dennoch war, ist und wird die Heimat der Platz auf dieser Erde sein, wo man sich fast immer wohler, freier, sicherer, ruhiger und nützlicher fühlt.

Ein „Gaou“ in Deutschland

Ein "Gaou" in Deutschland

Stephane Kouassi (Elfenbeinküste)
Stephane"Gaou“ ist Ivorisch und bedeutet, dass sich jemand in einer Situation, an einem Ort oder in einer Kultur befindet, in der er sich nicht auskennt und verlassen fühlt. Als „Gaou“ kann ich meine Situation beschreiben, als ich mein geliebtes Côte d’Ivoire verließ um nach Deutschland zu reisen – ein kalter Sommer. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich am Goethe-Institut in Abidjan, unserer Hauptstadt, einen Deutschkurs besucht. Auch Landeskunde war im Programm. Doch wie groß war mein Schock, als ich nach Deutschland kam. Der Sommer war so kalt wie bei uns der Winter. Schrecklich habe ich meinen ersten Kontakt mit der U-Bahn in Erinnerung. Noch nie in meinem Leben war ich mit so vielen Weißen in einem geschlossenen Raum, ich fühlte mich wie ein Tropfen Wasser im Meer. Hinzu kam die Geschwindigkeit dieser Höllenmaschine, mir wurde ganz schwindelig. Und noch schlimmer, wir fuhren mehrere Minuten unter der Erde. Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Heute bin ich daran gewöhnt mit der U-Bahn zu fahren und weiß mehr über die Kultur meines Gastlandes. Nach wie vor fällt es mir aber schwer zu akzeptieren, dass in einem Restaurant die Rechnung von Mann und Frau getrennt bezahlt wird. „Zusammen oder getrennt“ wird immer gefragt, wenn man die Rechnung verlangt. Natürlich zusammen und der Mann bezahlt, so ist es bei uns Sitte. Auch kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass sich Menschen offen auf der Straße küssen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob sie dabei gesehen werden.  

Tot ohne Krankenschein

Tot ohne Krankenschein

Lilia Rupcheva (Russland)
Von Russland aus betrachtet scheint das Gesundheitssystem in Deutschland fast perfekt zu sein. Die Krankenhäuser sind neu und sehr komfortabel, die Geräte sind „das letzte Wort der Technik“, wie wir in Russland zu sagen pflegen, die Ärzte sind professionell und sehr freundlich. Aber wenn man dann tatsächlich als Ausländer nach Deutschland kommt und es einem passiert, dass man plötzlich krank wird und eine ausländische Krankenversicherung in der Tasche hat, wird man in den deutschen Krankenhäusern ganz anders behandelt als erwartet. Wenn man nicht vorhat, in 10 Minuten zu sterben, dann ist man kein Notfall und somit kein Fall für die Ärzte in den Krankenhäusern. Man muss zu einem niedergelassenen Arzt gehen. Da ist auch alles schön und modern, doch schon bei der Anmeldung erklärte mir die Sprechstundenhilfe sehr höflich, dass meine russische Krankenversicherung in Deutschland nicht gültig ist, aber wenn ich wirklich Schmerzen hätte, könnte ich 200 Euro bezahlen und würde sofort nach den besten Bedingungen versorgt. Daraufhin versuchte ich mich möglichst schnell bei einer deutschen Krankenkasse zu versichern, bevor ich noch zum Notfall für die Krankenhäuser würde. Aber die Versicherungsgesellschaft erklärte, wenn ich jetzt mit meinen Beschwerden zum Arzt ginge, würden sie die Behandlung nicht bezahlen, weil ich schon krank war, bevor ich mich bei ihnen versichert hatte. Die Schlussfolgerung ist: wenn man nicht ausreichend krankenversichert ist, soll man entweder gesund bleiben oder fast tot sein, sodass die Ärzte einen als Notfall im Krankenhaus aufnehmen. Aber auf keinen Fall soll man zeigen, dass man noch sprechen kann, weil dann die Besprechung der Bedingungen der Krankenversicherung zuerst stattfindet.

Belegte Brötchen

Belegte Brötchen

Moheb Atiq (Afghanistan)
MohebAls ich am Anfang in Deutschland war, fuhr ich einmal nach Kassel. Im Zug vor mir saß ein Junge. Nach bereits kurzer Fahrtzeit wollte ich etwas essen und bat davon auch etwas dem kleinen Jungen an, er nahm ein belegtes Brötchen, dann aßen wir zusammen. Später fing er etwas zu essen an, ohne mir etwas anzubieten. Sein Verhalten war ganz neu für mich, weil bei uns in Afghanistan die Leute sich beim Essen gegenseitig etwas anbieten und das gehört zu unserer Kultur. Aber im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass sein Verhalten hier in Deutschland normal ist.  

Belegte Sitzplätze

Belegte Sitzplätze

Marlena Baranska (Polen)
Es war für mich eine wirklich nette Überraschung, dass die Leute in Deutschland so behilflich sind. Ich meine nicht nur die Deutschen, sondern auch die Ausländer. Ich erinnere mich noch daran, als ich eine alte Frau nach dem Weg fragte. Ich sah, dass sie Probleme mit dem Laufen hatte, trotzdem ging sie mit mir fünf Minuten, um mir den Weg zu zeigen, obwohl sie eigentlich in die umgekehrte Richtung musste. Allerdings schockierte mich, dass junge Leute in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen und alte Leute stehen. Nur einmal habe ich gesehen, wie ein junger Mann einer alten Dame Platz machte. Auch gefällt es mir nicht, dass in Frankfurt sehr oft Verkehrsmittel, besonders Busse, nicht kommen. Ein paar Mal schon kam ich zur Haltestelle und musste lange warten, weil der Bus nicht kam und ich auf den nächsten warten musste. Das ist wirklich ärgerlich, besonders wenn es kalt ist. Die größte Überraschung für mich war der Weihnachtsmarkt in Frankfurt. Ich hatte schon viel davon gehört und hatte nun zum ersten Mal Gelegenheit ihn selbst zu besuchen. Die festliche Atmosphäre, die große Menge zufriedener Menschen, die vielen Verzierungen und sogar ein Mann, der auf der Straße Klavier spielte, waren wirklich wunderbar. Schade nur, dass es einen solchen Markt nicht in Polen gibt.