Archiv der Kategorie: Europa

Rollenbild Stolz und Vorurteil

Rollenbild Stolz und Vorurteil

Iuliia Trachuk (Ukraine)

Iuliia
Meine Vorstellungen über das Leben im 18. Jahrhundert gründeten sich lange Zeit auf den englischen Film „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, den ich als Kind gesehen hatte. Damals hatte ich mich beim Anschauen dieses Films sehr amüsiert, über den Tanzstil, über die manierierten Verhaltensweisen und die hochgesteckten Frisuren der Frauen. Das alles war für mich als Kind sehr ungewöhnlich und interessant.

Ein zweites Mal habe ich diesen Film vor drei Monaten gesehen. Und jetzt finde ich ihn nicht mehr so lustig wie früher. Ganz im Gegenteil. Heute sehe ich den Film mehr im Licht seiner Zeit und verstehe, welch wichtige Rolle in dem Leben der reichen Gesellschaft damals der Ball spielte. Er hatte die Funktion eines Heiratsmarktes. Da die Frauen damals außerhalb des Hauses nicht allein spazieren gehen durften, war es normalerweise sehr schwierig jemanden kennen zu lernen. Dies war so gut wie nur auf dem Ball möglich. Deshalb versuchten die Eltern, die in hohem Ansehen standen, einige Monate vor dem Ball eine Einladung für ihre Familie zu erhalten. Nichts wurde dort dem Zufall überlassen, denn wenn man die Gelegenheit jemanden kennen zu lernen auf dem Ball verpasst hatte, musste man lange bis zum nächsten Ball warten.

Da damals viel Wert auf Anstand, Sitte, Moral und die Jungfräulichkeit der Frau vor der Ehe gelegt wurde, war der Umgang zwischen den Geschlechtern im Alltag streng festgelegt. Der Tanz war somit die einzige Möglichkeit körperlich Kontakt mit der Frau aufzunehmen. Beim Tanzen konnte man die Hand der Frau halten, sie sozusagen „berühren“, man stand ihr sehr nahe und konnte ihr in die Augen sehen, vielleicht auch zum ersten Mal, zumindest für die Dauer des Tanzes, einzelne Worte mit ihr wechseln, die von anderen ungehört blieben.

Das Heiratsthema war für die Familien damals von existentieller Bedeutung, da das Familiengut seiner Rechtsform nach ein Fideikommiss war und nur als Ganzes an den männlichen Erben vererbt werden durfte. Deshalb war es immer von Vorteil, wenn man einen Sohn hatte. So war gesichert, dass der Besitz in der Familie blieb. Da die Frauen damals nicht studieren und nicht arbeiten durften, waren sie vollkommen abhängig von ihren Ehemännern. Schon im Alter von 15 Jahren war es für sie wichtig, einen Mann zu finden, der bereit war, für sie zu sorgen. Jede für sich musste eine individuelle Balance zwischen Liebe, ökonomischer Sicherheit und Standeszugehörigkeit finden. Wobei der Faktor Liebe höchstwahrscheinlich nur von nachrangiger Bedeutung war. Mitunter spielte auch das Aussehen eine Rolle. So wie bei der besten Freundin der Hauptheldin in „Stolz und Vorurteil“. Sie war optisch nicht besonders attraktiv, außerdem schon 27 und ledig. Deshalb ergriff sie die erstbeste Gelegenheit und heiratete einen Mann, den sie zwar nicht liebte, der sie aber davor bewahrte, allein zu bleiben und zu verarmen.

Wenn ich diese Verhältnisse auch nicht herbeisehne, so gefielen mir dennoch die Manieren der Männer in dem Film. Mir gefiel, dass sie der Frau die Tür öffneten, ihr den Regenschirm trugen, damit sie nicht nass wurde, sie nichts Schweres tragen ließen, sie aufstanden, um eine Frau zu begrüßen und es ihnen ihr Anstand verbot, Frauen in der Öffentlichkeit zu beleidigen oder gar zu beschimpfen. Ich möchte nicht dazu aufrufen, sich genau so wie im 18. Jahrhundert zu verhalten, sondern wünschte mir nur, dass man höflicher und aufmerksamer miteinander umginge. Man sollte sich anständig und würdevoll anderen Menschen gegenüber benehmen und ihnen mit Respekt begegnen, unabhängig davon, welchem Geschlecht sie angehören.

Ohne Deutsch in Frankfurt

Ohne Deutsch in Frankfurt

Cristina Martin (Rumänien)

In einer kosmopolitischen Stadt wie Frankfurt zu leben, scheint einfach zu sein. Jeder denkt, dass man sich mit Englisch in dieser europäischen Bankenstadt gut verständigen und auch integrieren kann. Ist es aber wirklich so leicht, nur mit Englisch in dieser Stadt zu leben? Mit der Erfahrung eines Menschen, der vor kurzem noch kein einziges Wort auf Deutsch sagen konnte, kann ich sagen, dass der Eindruck, überall nur Deutsch zu hören und zu lesen, überwältigend ist. Deutsch, Deutsch, Deutsch, überall um dich herum: auf dem Flughafen, im Fernsehen, in den Geschäften und auf der Straße. Wer diese Sprache zuvor noch nicht beachtet hat, wird merken, wie wichtig sie plötzlich für einen ist, sogar im internationalen Frankfurt. (Uff, warum habe ich nicht auf meine Eltern gehört und früher Deutsch gelernt?) Für jemand, der erst vor einigen Tagen hier angekommen ist, ortsfremd ist und noch keiner geregelten Beschäftigung nachgeht, scheint das Fernsehen die Informations- und Unterhaltungsquelle Nummer eins zu sein. Dies aber nur, wenn man kopflos genug ist, zu vergessen, dass die westeuropäischen Sender (Holland ist hier eine glückliche Ausnahme) die schlechte Angewohnheit haben, fremdsprachige Filme und Sendungen zu synchronisieren.

Zum Glück gibt es in Frankfurt Orte, an denen man sich Filme im englischen Original ausleihen kann. (Man darf aber nicht vergessen, dass es nötig ist, einen DVD-Spieler zu haben, der diese DVDs auch lesen kann). Wer so ein Gerät nicht hat, hat Pech und muss etwas anderes versuchen – zum Beispiel in der Stadt spazieren gehen. Man wird auf der Straße oft Englisch hören. Denn die Leute sagen häufig „Sorry“ statt „Entschuldigung“. Versucht man, die Unterhaltung dann auf Englisch fortzusetzen, wird man bemerken, dass die Leute einem nicht angesehen haben, dass man nur Englisch spricht, sondern dass man „Sorry“ nur aus dem Englischen übernommen hat, weiter aber auf Deutsch spricht.

Wenn man Glück, Geduld und einen Internetanschluss hat, wird man in Frankfurt noch viele Orte entdecken, an denen Englisch gesprochen wird wie z.B. den Turm-Palast – ein Kino, das englische Filme im Original zeigt, das englische Theater in der Kaiserstraße oder Debattierclubs auf Englisch, wie z.B. Toastmaster. Man kann in Frankfurt sogar auf einen Schreiner stoßen, der in der Schule immer eine Eins in Englisch gehabt hat. Aber dafür braucht man viel, viel Glück und eine kaputte Tür. Obwohl Frankfurt vielen, die nur Englisch sprechen und auch jenen, die ihr Englisch verbessern wollen, viele Möglichkeiten der Unterhaltung bietet, bleibt es dennoch eine Tatsache, dass niemand sich wirklich in einem Land integrieren kann, dessen Sprache er nicht spricht. Und um ehrlich zu sein, ich kann es kaum erwarten, Goethe im Original lesen zu können!

Der erste Tag am Studienkolleg

Der erste Tag am Studienkolleg

Bogdana-Lucia Draghici (Deutschland)

Nun stand ich davor, eine von circa 200 StudentInnen. Die meisten von uns prägte ein verunsicherter, panischer Gesichtsausdruck. Jeder einzelne von uns war auf sich selbst gestellt. Die Tatsache, dass alle fremd in diesem Land sind, nahm mir etwas meine Unsicherheit. Eine Ungewissheit blieb jedoch! Versteht man sich? Finde ich schnell den Anschluss zu den anderen Studierenden und zum Unterricht? All diese Gedanken gingen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, wie schon die Tage zuvor. Nun gut, ich fasste all meinen Mut zusammen, steckte mir schnell noch eine Zigarette an und wusste, jetzt muss ich da durch.

Ich ging hinein. Alle anderen hatten sich schon unten vor dem Sekretariat versammelt. Eine Liste hing aus mit der Verteilung der Kurse und der Räume. Ich ging in den Raum, in dem bereits KommilitonInnen aus meinem neuen Kurs warteten. Warteten auf was? Keiner von uns wusste, wie es jetzt weitergehen sollte. Die Wartezeit wurde genutzt, um einander zu „beschnuppern“. Man kam ins Gespräch und die Angst und Verunsicherung wurden im Laufe des Gesprächs weniger.

Ich stellte fest, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Nachdem wir mit der Vorstellungsrunde durch waren, war die Entscheidung der Sympathie gefallen. In der Pause ging es mit dem intensiven Kennen lernen weiter. Ich stellte mich zu zwei Kommilitonen aus meinem Kurs. Neben uns stehend unterhielten sich zwei Personen, die sich nicht kannten. Ungewollt bekam ich die Unterhaltung mit. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Das Gespräch lief abwechselnd. Woher kommst Du? Wie alt bist Du? Welche Nationalität hast Du? usw. Nun kam der junge Mann zu der entscheidenden Frage: „Wie bist Du nach Deutschland gekommen?“. Die junge Frau antwortete höflich: „Als Au Pair.“ Die Unterhaltung setzte sich fort, denn die Neugier des jungen Mannes war nicht zu stillen. Und somit erfolgte gleich darauf die nächste Frage: „Oh, das ist schön, und welche Art von Musik singst du in der Oper?“ Ich musste über dieses sprachliche Missverständnis schmunzeln und lachte innerlich. In dem Augenblick war ich klar im Vorteil, denn ich verstand!

Nach etwa zwei Monaten hatte sich das Rad gedreht. Derselbe junge Mann, über den ich zuvor gelacht hatte, saß neben mir im Matheunterricht und half mir bei einer für mich unlösbaren Aufgabe. Er brachte mich auf die Lösung! Jeder hat seine eigenen Hürden zu überwinden. Diese Erfahrung motiviert mich und lässt mich noch stärker an mein Ziel glauben.

Soziologie in Krakau

Soziologie in Krakau

Agnieszka Satola (Polen)

Am 30. April 2005 wurde in Berlin das Deutsch – Polnische Jahr ausgerufen. Aus diesem Anlass möchte ich die meiner Meinung nach schönste Stadt Polens, nämlich Krakau, vorstellen. Ich hatte das Glück hier geboren zu sein und leben zu dürfen. Aber worüber soll ich eigentlich schreiben? Alle Informationen kann man doch im Internet finden. Ich möchte aber gern das vorstellen, was man nicht im Internet finden kann. Stellt euch ein Haus mit weißer Fassade vor, das aus dem 17. Jahrhundert stammt. Es macht schon von außen den Eindruck, dass hinter ihm eine lange und enigmatische Geschichte steckt. Wenn man rein kommt, spürt man die Wissensdünste, die in der Luft schweben und in den ersten Stock führen, wo es das Institut der Soziologie und das Institut der Philosophie gibt. Ja, in diesem monumentalen Gebäude an der Grodzka Str. 52 -Jesuiten Collegium – finden die Seminare für die Studenten der Soziologie statt. In diesem Gebäude haben die Jesuiten eine Schule im ersten Vierteljahrhundert errichtet, die als Konkurrenz für die Krakauer Akademie gedacht war. Ihre Aktivitäten dauerten bis 1773. Heute gehören die Räume der Jagiellonien Universität. Mit der Soziologie in Krakau werden Persönlichkeiten verbunden, wie beispielsweise Bronislaw Malinowski, der hier studierte und promovierte, und Kazimierz Dobrowolski, der Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Ethnographie und Soziologie ab 1957 war. Aber auch viele andere „Modellierer des Weges“, gestorbene und lebendige, laufen als Geist oder in leibhaftiger Gestalt über den Flur. Auf diesem Flur warten gestresste Studenten auf ihre Prüfungen und trinken Kaffee aus dem Kaffeeautomaten, der neben einen alten Kachelofen steht. Man kann auch z.B. einen während der Pausen mit Studenten sprechenden und Zigarette rauchenden Dr. Janusz Praglowski treffen, den größten und dabei dennoch bescheidensten Dozenten, der den Studenten so schön von Jean Jacques Rousseau erzählen kann, dass man ihm stundenlang ohne Pause zuhören mag. Am Ende des Flurs gibt es die Bibliothek für die Soziologen mit dem Zettelkatalog (doch vor Kurzem habe ich sogar einen Computer gesehen), in der man in dem kleinen Lesesaal, dem so genannten Kaminsaal (weil da ein alter Kamin steht), in Ruhe und in intellektueller Atmosphäre soziologische Werke lesen kann.

Wie das Gebäude, so ist auch Krakau die Wiege der polnischen Kultur. Hier sammelt und konzentriert sich wie in einer Linse der ganze literarische, wissenschaftliche und moralische Ertrag der polnischen Gesellschaft. Auf dem Hauptmarkt stehen Cafés, in denen jahrzehntelang die Boheme zu Gast war. Zwischen einerseits düsteren Winkeln und andererseits frisch renovierten Sehenswürdigkeiten mischen sich das Alte und das Moderne. Allein dieser Kontrast ist schon eine Reise nach Krakau wert.

Alle Informationen über die Krakauer Geschichte stammen von Jerzy Wyrozumialski: Dzieje Krakowa, 1992.

Die Legende vom Krakauer Drachen

Die Legende vom Krakauer Drachen

Agnieszka Satola (Polen)

Krakauer Drache
Vor vielen, vielen Jahren lebte in einer Burg auf dem Wawel-Berg oberhalb der Weichsel der legendäre König Krak. Er war ein großzügiger Herrscher, der sich immer sehr um das Wohl seiner Untertanen kümmerte. Er sorgte dafür, dass sie in Frieden und Wohlstand leben konnten. Eines Tages aber wurde das friedliche Leben gestört. In der Grotte unter dem Wawel-Berg hatte sich ein furchterregender Drache niedergelassen. Er war sehr wütend und die Bewohner mussten ihm, um ihn zu beunruhigen, eine bestimmte Zahl von Schafe vor seine Höhle legen. Wenn die Bürger die geforderte Anzahl von Vieh nicht liefern konnten, fraß er statt dessen einen Menschen auf. Seine Leckerbissen waren vor allem jungfräuliche Mädchen. Viele tapfere Ritter versuchten den Drachen zu töten, aber ohne Erfolg. Endlich gelang es aber dem König Krak, den Drachen mit einer List zu bekämpfen.

Er befahl ein mit Schwefel ausgestopftes Schafsfell vor den Höhleneingang hinzulegen. Man füllte also das Fell eines Schafes so aus, dass es wie ein echtes aussah. Der hungrige Drache fraß das schwefelhaltige Schaf auf, ohne den Unterschied zu bemerken, und verspürte kurz darauf ein fürchterliches Brennen im ganzen Körper. Er versuchte seinen brennenden Durst mit dem Wasser der Weichsel zu löschen. Er trank und trank. Dabei trank er so viel, dass man schon fast kein Wasser mehr im Fluss sehen konnte. Obwohl es in seinem Bauch keinen Platz mehr gab, trank er weiter, bis er schließlich mit einem lauten Knall zerplatzte. Daraufhin herrschte große Freude in der ganzen Gegend und zu Ehren des Königs Krak gab man der Stadt den Namen Krakau, um ihn in dieser Weise in Erinnerung zu behalten.

Die Wohnstätte des Drachen kann man heute noch besichtigen. Vor dem Eingang zur Grotte steht seit 1972 eine große Skulptur des Drachens, entworfen von einem der berühmtesten Künstler Krakaus, Bronislaw Chromy. Der Drachen spuckt symbolisch immer noch Feuer.

Erinnerung an Krakau

Erinnerung an Krakau

Jagoda Czerwonka (Polen)

Jagoda

Fotos von Krakau: Aldona Loster (Polen), Joanna Masseli (Polen), Jagoda Czerwonka (Polen)

Krakau
Krakau strahlt Romantik aus und ist die Stadt der Künstler. Es ist zwar schon längst nicht mehr die Hauptstadt, aber für viele Polen bleibt Krakau für immer die wichtigste Stadt. Ich liebe diese Stadt. Ich mag es, die Bilderverkäufer anzusprechen und mich mit ihnen über ihre Bilder zu unterhalten. Oder in eine Kneipe zu gehen. Aber es muss eine Kneipe im Keller sein, denn dort lernt man die interessantesten Leute kennen. Es sind diejenigen, die keine Sonne mögen und die Taschen immer voll mit Zeichnungen haben. Sie sprechen einen oft an. Meist suchen sie den Sinn des Lebens. Wenn man mit ihnen so im gemauerten Keller sitzt, beim Licht der Kerzen und bei melancholischer Musik, kann man schnell die Welt draußen vergessen.

Krakau
Die Uhren bleiben stehen. Die Stadt ist magisch, es gibt Straßen, in denen es immer regnet, und Straßen, in denen immer die Sonne scheint – zumindest hat man diesen Eindruck. Und alles ist alt. Man spürt geradezu die Geister der Menschen, die da vor Jahrhunderten gelebt haben, und kann hören, wie sie einem ins Ohr flüstern. Im Park trifft man alte Menschen, die Vögel füttern. Sie haben so etwas Majestätisches in den Augen, das einen hindert wegzusehen, wenn man hineinschaut.

Krakau
Krakau

 

Die Straßen sind immer voll, stets gibt es kilometerlangen Stau und die Busfahrer fahren extra weg, wenn sie verspätete Passagiere zum Bus rennen sehen. Im Bus versuchen sich die Leute dann die Zeit zu vertreiben, indem sie etwas in ihren Taschen suchen oder die Anzeigen an den Scheiben lesen. Man weiß ja nie, welche Chancen einem das Leben bietet. Hinten im Bus sitzen immer die jungen Künstler. Sie haben oft interessanten Kram auf dem Schoß: Gedichte, Theaterstücke oder Zeichnungen. Die anderen schauen kurz hin, aber dann gucken sie schnell weg und blättern in einem Buch, das genau erklärt, wie man leben soll. Es gibt ein sehr schönes jüdisches Stadtviertel, das Kazimierz heißt. Da kann man viel von der jüdischen Kultur kennen lernen: das Essen, die Häuser, die Musik und die Gebräuche. Wenn man nachts spazieren geht, kann es passieren, dass ein roter BMW mit lauter Musik an einem vorbeifährt und an der nächsten Ecke hält. Ein paar Jungs steigen aus, um sich Zigaretten zu kaufen, die anderen bleiben im Wagen sitzen und pulsieren in der Dunkelheit bei einem Techno Beat. Sie bleiben lieber drinnen, weil sie wissen, dass sie hier wie Außerirdische sind. In der Nacht wird es spannend, die Zigaretten blinken wie rote Augen von wilden Tieren. Ich weiß noch, als ich 15 war, galt es als Mutprobe über einen alten Friedhof zu gehen. Es war aber gar nicht unheimlich, ganz im Gegenteil, es gab da viele schöne Rosenkränze, Skulpturen und auf jedem Grab schienen Kerzen. Angst hatte ich nur um all die Leute, die da beteten, weil es so aussah, als ob sie mit den Geistern sprachen.

 

Den Tag habe ich am liebsten an der Wisla verbracht. Da kann man viele Jugendliche treffen, die die Schule schwänzen, ihre erste Zigarette rauchen, zeichnen, Gedichte schreiben oder über Dinge reden, von denen sie eigentlich noch nichts wissen sollten. Einmal im Jahr, und zwar immer zum Sommeranfang, gibt es eine besondere Nacht an der Wisla. Es gibt wunderbare Musik zum Tanzen und ein Feuerwerk. An diesem Tag ist es Brauch, dass jede Frau, die noch keinen Mann hat, einen Blumenkranz trägt. Diesen wirft sie dann um Mitternacht in den Strom des Flusses, der ihr daraufhin ihre zukünftige Liebe im Wasser spiegelt.

Der Krakauer Drachen spuckt Feuer aus, und wie jedes Jahr um diese Zeit fängt es an, heftig zu regnen. Aber es macht nichts, die Nacht ist ja magisch und der Regen bringt Freude und Lachen.

Krakau
Krakau
Krakau

Krakau-Schwärmereien

Krakau-Schwärmereien

Katarzyna Mastalerz (Polen)

Krakau ist eine Millionenstadt im Herzen Europas, die ehemalige Hauptstadt Polens und die Geburtsstadt polnischer Könige. Krakau, Stadt der Reflexion und des Schauens, Stadt der Bohème und der Wissenschaft, mit einer der ältesten Universitäten Europas. Krakau, Stadt von Hunderttausend Studenten, Stadt der Toleranz und des Nebeneinander verschiedenster Kulturen. Stadt der Poesie. Eine Stadt der Kunst, des Theaters und der musikalischen Klänge. Krakau, eine Stadt die sich den Freuden des Lebens hingibt. Stadt der Zusammenkunft, der Festivals und Kongresse, Stadt der Kaffeehäuser und Restaurants, deren Schönheit ein jeder verfällt, der bloß für einen Augenblick die Altstadt betritt.

 

Ein Leben im Kampf gegen die Mafia

Ein Leben im Kampf gegen die Mafia

Maria Teresa Divittorio (Italien)

 

impastatoPlacido Rizzotto italienischer Politiker Peppino Impastato italienischer Politiker Pio la Torre Gewerkschaftler Carlo Alberto dalla Chiesa General dei Carabinieri Giovanni Falcone Staatsanwalt Paolo Borsellino Staatsanwalt Giuseppe Pugliesi Pfarrer bei einer Kirche in Palermo

Hat vielleicht jemand von euch einen dieser Namen schon einmal gehört? Diese sind nur wenige der vielen Namen von Personen, die gegen die Mafia gekämpft haben. Ihr Ziel war es, Gerechtigkeit herbeizuführen.

Photo veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Zentrums Impastato, http://www.centroimpastato.it

Wenn man über die Mafia spricht, spricht man normalerweise über Mafiabosse, ihre Hintermänner, ihre Familien und ihre Opfer. Ein Beispiel dafür ist die kaltblütige Liquidierung von sechs Italienern durch die Mafia in Duisburg im vergangenen Jahr. Viele Tage lang hat man nur von der Verstrickung der Getöteten mit der Mafia und den möglichen Auftraggebern für den Mordauftrag gehört.

Wie man leicht feststellen kann, werden viele Berichte über diesen kriminellen Bund verbreitet und nur wenig bis gar nichts über die Antimafia- Initiativen berichtet. Selten wird über bestimmte Gruppen und Vereine gesprochen, die gegen die Mafia kämpfen. Ihre Aktivitäten bleiben der Öffentlichkeit meist verborgen.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit sind die wichtigsten Werte dieser Antimafia-Gruppen. An diese Werte glaubte auch Giuseppe Impastato, von allen Peppino Impastato genannt, und für diese Werte ist er getötet worden. Er unterschied sich von den anderen Mafiagegnern durch sein jugendliches Alter und durch seine besondere Weise den Kampf gegen die Mafia durchzuführen. Peppino Impastato war ein Jugendlicher wie wir. Er war voller Lebenslust, Mut und Entschlossenheit. Diese Eigenschaften haben ihn bei seinem Kampf gegen die Mafia stets begleitetet.

Giuseppe Impastato wurde am 5. Januar 1948 in Cinisi, einer Provinz von Palermo, das in Sizilien liegt, geboren. Seine Familie war eine so genannte Mafia-Familie. Sein Onkel war der Mafiaboss Cesare Manzella, der 1963 in einem Auto in die Luft gesprengt wurde.

Peppino Impastato begann schon als Jugendlicher gegen die Mafia zu rebellieren. „Die Mafia ist ein Haufen Scheiße“, schrieb er auf ein Flugblatt, das er in der ganzen Stadt verteilte. Daraufhin wurde er von seinem Vater aus dem Haus geworfen und zum Schandfleck der Familie erklärt. Peppino Impastatos Elternhaus lag nur etwa 100 Schritte von dem Haus des Mafiabosses Gaetano Badalamenti entfernt. Dies ist auch der Grund dafür, dass der Film, der über ihn im Jahr 2000 unter der Regie von Marco Tullio Giordana gedreht wurde, den Titel „Hundert Schritte“ (Originaltitel: I cento passi) trägt.

Nach dem Bruch mit der Familie begann Peppino Impastato seine politisch- kulturellen Aktivitäten gegen die Mafia. Ab 1968 nahm er eine führende Rolle bei den Aktivitäten der „Neuen Linken“ ein. Er führte die Bauern bei ihren Protesten gegen die Enteignung ihres Landbesitzes wegen des Baus der dritten Piste des Flughafens in Punta Raisi (Palermo) an. 1975 gründete er die Gruppe „Musik und Kultur“, die kulturelle Aktivitäten (Musik, Theater, Kino und Diskussionen) organisierte.

1976 gründete er „Radio Aut“, einen freien Radiosender, d.h. privat und eigenfinanziert. Mit diesem Sender benannte er öffentlich die Verbrechen und die Geschäfte der Mitglieder der Mafia in Cinisi, deren Mafiaboss Gaetano Badalamenti war. Badalamenti spielte eine wichtige Rolle bei dem Bau des Flughafens in Punta Raisi, da das dort verwendete Material aus seinen Steinbrüchen stammte.

Die beliebteste Sendung bei „Radio Aut“ war die „Verrückte Welle“, in der auf satirische Art Mafiosi und Politiker verspottet wurden. Durch diese Initiative gelang es Peppino Impastato, zahlreiche Jugendliche für den Kampf gegen die Mafia zu gewinnen. Damit zeigte er, dass es möglich war, die Mafia zu besiegen. Es reichte nur die Angst und die stillschweigende Teilnahme zu überwinden. „Radio Aut“ vermittelte Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit durch Kunst, Musik, Kultur und Ästhetik und galt bald als der Ort der Antimafia-Bildung.

1978 kandidierte Peppino Impastato für die Kommunalwahlen auf der Liste „Proletarische Demokratie“. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai wurde er ermordet. Sein Körper wurde auf die Bahngleise geworfen und mit einer Ladung Sprengstoff in die Luft gesprengt. Dennoch wurde er von der Bevölkerung postum gewählt.

Die Justiz sprach von einem terroristischen Anschlag und sogar von Selbstmord. Dank der Aktivitäten des „Sizilianischen Dokumentationszentrum“, das 1977 gegründet wurde und nach Giuseppe Impastato umbenannt wurde, wurde der Fall wieder eröffnet. Das „Zentrum Impastato“ setzte sich dafür ein, den Kampf gegen die Mafia weiter fortzusetzen und Peppino Impastato Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Fall wurde viele Male ad acta gelegt und wieder eröffnet. Die Verantwortlichen der Irreführung der Untersuchungen, so stellte sich heraus, waren die staatlichen Institutionen. Dies wurde 1998 in einem Bericht des „Parlamentarischen Antimafia-Untersuchungsausschuss“ bekannt. Erst in den Jahren 2001 und 2002 (ungefähr 24 Jahre nach Impastatos Tod) wurden die Mafiabosse Vito Palazzolo und Gaetano Badalamenti zu 30 Jahren Haft, d.h. zu lebenslanger Haft verurteilt.

Auch Peppino Impastatos Mutter und sein Bruder nahmen an den Aktivitäten des „Zentrum Impastato“ teil. Impastatos Elternhaus ist heute ein Museum für den Kampf gegen die Mafia und steht für Besucher offen.
Zeichnung: Iris Borchhardt, Calabresisches Frühstück

Die Projekte des jungen italienischen Politikers sind zum Teil verwirklicht. Die Landbesitze, die Mitgliedern der Mafia gehörten, sind konfisziert worden. Sie werden heute von durch Jugendlichen gebildeten Agrargenossenschaften geleitet. In den Schulen und Universitäten werden Treffen und Seminare über das Thema Mafia organisiert. Stetig wächst die Zahl an Dokumentationszentren über die Mafia in Süditalien. Eines dieser Zentren liegt in Corleone (Palermo) und befindet sich im Haus des ehemaligen Mafiabosses Totó Riina. Das älteste und wichtigste Dokumentationszentrum ist jedoch das „Centrum Impastato“ in Cinisi. Auf seiner Webseite www.centroimpastato.it kann man auch Informationen auf Deutsch finden. Dank dieser Aufklärungsarbeit sind die Jugendlichen deutlich sensibilisierter gegenüber der Mafia als zuvor. Seit Jahren existiert in der neapoletanischen Vorstadt Scampia, einer der berüchtigtesten Camorra Stadtteile in Neapel, ein Kulturprojekt, das dem Zweck dient, den Kindern und Jugendlichen Alternativen zu einer kriminellen Lebensperspektive aufzuzeigen. Es existieren auch Zeitschriften und Webseiten, die regelmäßig über die gesellschaftlichen Hintergründe organisierter Gewaltkriminalität berichten. Lehrer versuchen ihre Schüler über die Ursache der Mafia aufzuklären. Es gibt immer wieder große Antimafia- Demonstrationen, an denen insbesondere Schüler und Studenten teilnehmen. Niemand im Ausland kennt die kalabresische Gruppe „I ragazzi di Locri“ (die Jugendlichen in Locri). Sie organisiert vielfältige Initiativen. Im November 2005 z.B. demonstrierten tausend von ihnen für den verzweifelten Widerstand gegen die kriminelle Gewalt mit dem Slogan „Für den Frieden, für die Legalität und für die Hoffnung“.

All das zeigt, dass die Mafia nur den Körper von Peppino Impastato getötet hat, aber seine Ideale und sein Geist weiter leben!

Ein Sprung in die Welt der Tarantella

Ein Sprung in die Welt der Tarantella

Maria Teresa Divittorio (Italien)

 

Tarantella Tanz

 

 

Foto: Ruggiero GorgoglioneMacht eine kleine Pause und kommt mit. Lasst euch von mir nach Süditalien, meine Heimat, entführen. Warum? Weil Ihr Tanzstunde habt. Heute bringe ich euch einen ganz besonderen Tanz bei: die Tarantella. Seid ihr bereit?

Schwingt die Arme vor dem Körper auf und ab, springt in die Luft und werft die Füße wechselweise nach vorne. Dazu hört ihr die „Pizzica“, eine höllisch-rhythmische Musik, die mit den Instrumenten Tamburin, Mandoline, Geige, Akkordeon und Mundharmonika gespielt wird. Ja, die Tarantella ist ein Tanz, der den ganzen Körper stark in Bewegung bringt und einen leicht aus der Puste kommen lässt. Ihr könnt ihn für euch oder mit anderen zusammen tanzen. Sind alle Bewegungen klar? Dann will ich euch, bevor wir weiter tanzen, erzählen, was es mit der Tarantella auf sich hat. Bitte setzt euch und hört zu!

Die Tarantella ist ein in Süditalien verbreiteter Tanz, der im Mittelalter entstand. Der Name Tarantella stammt von „Tarentula“ (deutsch: „Tarantel“), einer im Mittelmeerraum verbreiteten giftigen Spinne. Nach der Volksüberlieferung konnte der giftige Biss einer Tarantel nur durch diesen wilden Tanz geheilt werden. Besonders bei der Tätigkeit der Weizenernte lief man Gefahr von einer Tarantel gebissen zu werden. Da dies vornehmlich eine weibliche Tätigkeit war, waren davon besonders Frauen betroffen. Der deutsche Baron Johann Hermann von Riedesel (1740-1785), der während seiner Reise durch Süditalien 1767 zum ersten Mal mit der Tarantella konfrontiert wurde, hatte für die Bedeutung des Tanzes jedoch eine andere Theorie. Er glaubte, der Tanz sei ein Verführungstanz, mit dem die italienischen Frauen Männer bezirzen wollten. Denn seiner Meinung nach waren die Tänzerinnen zu alt und zu hässlich, um auf andere Weise noch zu einem Mann zu kommen. Wir wollen nicht wissen, wie Herr von Riedesel ausgesehen hat, sondern uns einem anderen Aspekt dieses Tanzes zuwenden, nämlich dem Religiösen.

Besonders für Süditalien ist es typisch, markanten Ereignissen eine religiöse Bedeutung zuzuschreiben, so auch der angeblich durch den Biss der Tarantel ausgelösten „Nervenkrankheit“, dem Tarantismus. Zum Schutz der von der Tarantel Gebissenen wurde deshalb der Heilige Sankt Paulus ernannt. Die Wahl des Sanctus fiel nicht rein zufällig, denn nach der Überlieferung hatte er den Biss einer Giftschlange überlebt und war geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Man führte die von der Tarantel Gebissenen in die Sankt Paulus Kirche in Galatina (eine Provinz von Lecce in Süditalien), um sie dort das heilige Wasser der St. Paulus Kapelle trinken zu lassen. Doch kam man schnell wieder von diesem Ritual ab, als öffentlich wurde, dass die während des Tanzes in Trance gefallenen Frauen den Ort durch ihr unsittliches Benehmen entweiht hätten. Man sprach davon, dass sie unter den Augen des Sanctus Geschlechtsverkehr nachgeahmt und auf den Altar uriniert hätten. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie groß die Empörung in der Bevölkerung war. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Heilige von seiner Beschützerrolle entbunden und es wurden keine vom Tarantimus befallenen Frauen mehr in der Sankt Paulus Kirche gesehen.

Doch wer glaubt, dass dies das Ende der Tarantella bedeutet hätte, irrt. Denn auch weiterhin wurden Frauen von Taranteln gebissen. Zur Austreibung der bösen Geister tanzten sie von nun an die Tarantella ausschließlich auf öffentlichen Plätzen. Der Tarantismus hatte somit nicht mehr den Charakter des Religiösen, sondern Esoterischen.

Der Ort, an dem die von der Tarantel Gebissenen tanzten, wurde normalerweise mit bunten Tüchern und anderen Gegenständen, wie z.B. Seilen, Leitern und Schwertern ausgestattet. Im Allgemeinen ließen die Erkrankten Musiker kommen, um die Pizzica zu spielen. Die höllische Musik begann und sie fingen an ekstatisch den Tanz der Tarantel zu tanzen. Während des Tanzes zeigten sich bei den Betroffenen Anzeichen von Besessenheit, deren Folgen epileptische Krisen oder depressive und melancholische Zustände waren. Während dieser Phase konnten sie Stellungen annehmen, die an die Haltung einer Tarantel erinnerten. So glaubte man, dass sich die Erkrankten mit der Tarantel, von der sie gebissen worden waren, identifizierten. Das Ritual endete damit, dass die Gebissenen sinnbildlich auf die Tarantel traten. Diese Tat betonte die Heilung von der Krankheit.

Spine
Zeichnung: Elena Agapova

Vielleicht fragt ihr euch, was heute von der Tarantella übergeblieben ist. Heute ist dieses Phänomen fast verschwunden. Regelmäßig wird jedoch noch am 29. Juni in der Sankt Paulus Kirche in Galatina eine Messe für die von der Tarantel Gebissenen gehalten. Das Ritual dauert allerdings nur wenige Minuten. Dies zeigt den Verlust der Tradition.

In den letzten Jahren ist die Tarantella ein folkloristisches Phänomen geworden. Den Volkstanz Tarantella tanzt man heute vor allem anlässlich von Volksfesten oder Veranstaltungen. In Süditalien hat man viele musikalische Gruppen und kulturelle Vereine gegründet, die den Zweck haben, diesen folkloristischen Tanz auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Die wichtigste kulturelle Großveranstaltung ist „La notte della Taranta“, d.h. „die Nacht der Taranta“. Das ist ein Musikfestival, das seit neun Jahren (ab 1998) in Melpignano, im Herzen der süditalischen Region Salento stattfindet. „Die Nacht der Taranta“ wird in den heißen Augustnächten gefeiert und normalerweise dauert sie zwei Wochen. Es handelt sich um das größte Musikfestival, auf dem sich die Pizzica Salentina mit anderen Musikrichtungen wie der World Musik, dem Rock, dem Jazz und der symphonischen Musik verbindet. Im ganzen Zeitraum dieser Veranstaltung erfolgt eine echte „Wallfahrt“ von Leuten nach Apulien. Sie zeigt, wie beliebt und berühmt das Festival ist. Natürlich seid ihr auch alle eingeladen mitzufeiern. Alles notiert? Alles verstanden? Jetzt können wir weiter tanzen. Hände und Arme vor dem Körper auf und ab…

 

Wie die Frankfurter babbeln und was die gerne trinken

Wie die Frankfurter babbeln und was die gerne trinken

Jolanta Gutowska (Polen)

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Äppelwoi ist das Nationalgetränk der Hessen und wohl das bekannteste Produkt der Region. Vor allem in Frankfurt, dem international bedeutsamen Finanzzentrum, kommt man nicht um diesen Trunk herum. Traditionellerweise kommt Apfelwein, wie das Getränk auf hochdeutsch heißt, im sogenannten „Bembel“ auf den Tisch. Das ist ein dickbäuchiger Krug aus Steingut mit blauer Malerei auf grauem Grund. Die alteingesessenen Frankfurter trinken natürlich nicht einfach nur den Apfelwein. Man kann den Apfelwein zum Beispiel mit Mineralwasser oder einer Zugabe von süßer Limonade trinken. Dafür gibt es eigene Namen: Gespritzter, Sauergespritzter (mit Wasser gemischt) oder Süßgespritzter (mit Limonade gemischt). Die meisten Wirte in den Apfelweinkneipen meinen, dass Apfelwein gesund hält. Das ist aber kein Wunder, schließlich leben sie von dessen Verkauf. Natürlich wird niemand daran glauben, dass der tägliche Weintrunk der Gesundheit förderlich ist. Aber die positiven Wirkungen von Apfelwein sind doch belegt, wenn er in Maßen getrunken wird. Apfelwein regt die Verdauung an und beugt Magen- und Darmkrankheiten vor. Er wirkt blutdrucksenkend, verbessert die Gehirndurchblutung und fördert somit die geistige Aktivität. Außerdem hilft der heiße Apfelwein ebenso gut gegen Erkältung wie die vielen Medikamente aus der Apotheke. Dann nehmen wir doch lieber einen „Schoppen“ zu uns als die vielen Medikamente! Der Apfelwein wird „gepetzt“ oder „geribbt“ (beides sind hessische Ausdrücke für das Apfelweintrinken). Egal wie man es auch nennt, auf jeden Fall sollte man Apfelwein mal probieren, wenn man in Hessen und besonders in Frankfurt ist. Ich hab das Frankfurter „National“getränk schon mal gepetzt und muss sagen, meinen Geschmack hat es nicht getroffen. Am besten bildet ihr euch aber eure eigene Meinung.

Was neben dem Äppelwoi aber noch interessant ist, ist die Tatsache, dass zwischen Frankfurt und Kassel „gebabbelt“ wird. Was ist babbeln? Also das Babbeln ist das Reden im Dialekt in Frankfurt und Umgebung, was aber für den Auswärtigen unverständlich bleiben kann. Kennzeichen der hessischen Mundart ist vor allem, dass aus „ch“ ein „sch“ wird. Manche finden das „herrlisch“, andere wieder „ferschterlisch“ (fürchterlich).

Wie babbeln die Hessen nun?

„Gude wie?“ klingt kurz und aussagekräftig, ist aber nur die hessische Variante für „Guten Tag, schön dich zu sehen, wie geht es dir?“. „Gell(e)“ wird häufig am Ende eines Satzes gesagt und heißt „nicht wahr!“. „Nimm die Flosse weg“, heißt nicht, dass du einen Fisch, sondern deine Hände wegnehmen sollst, und sollte jemand morgens „Gemorje“ zu dir sagen, so wünscht er dir freundlich „Guten Morgen!“, was du gerne mit „Gemorje“ erwidern kannst. Für den Apfelwein gibt es viele gebräuchliche Namen: Äppler, Ebbelwoi / Äppelwoi, Schoppe und Stöffche.

Auf jeden Fall ist zu empfehlen, sich ein hessisches Wörterbuch zuzulegen, wenn man Frankfurt und seine Menschen kennen lernen möchte.