Archiv der Kategorie: Interkulturelles

Ohne Deutsch in Frankfurt

Ohne Deutsch in Frankfurt

Cristina Martin (Rumänien)

In einer kosmopolitischen Stadt wie Frankfurt zu leben, scheint einfach zu sein. Jeder denkt, dass man sich mit Englisch in dieser europäischen Bankenstadt gut verständigen und auch integrieren kann. Ist es aber wirklich so leicht, nur mit Englisch in dieser Stadt zu leben? Mit der Erfahrung eines Menschen, der vor kurzem noch kein einziges Wort auf Deutsch sagen konnte, kann ich sagen, dass der Eindruck, überall nur Deutsch zu hören und zu lesen, überwältigend ist. Deutsch, Deutsch, Deutsch, überall um dich herum: auf dem Flughafen, im Fernsehen, in den Geschäften und auf der Straße. Wer diese Sprache zuvor noch nicht beachtet hat, wird merken, wie wichtig sie plötzlich für einen ist, sogar im internationalen Frankfurt. (Uff, warum habe ich nicht auf meine Eltern gehört und früher Deutsch gelernt?) Für jemand, der erst vor einigen Tagen hier angekommen ist, ortsfremd ist und noch keiner geregelten Beschäftigung nachgeht, scheint das Fernsehen die Informations- und Unterhaltungsquelle Nummer eins zu sein. Dies aber nur, wenn man kopflos genug ist, zu vergessen, dass die westeuropäischen Sender (Holland ist hier eine glückliche Ausnahme) die schlechte Angewohnheit haben, fremdsprachige Filme und Sendungen zu synchronisieren.

Zum Glück gibt es in Frankfurt Orte, an denen man sich Filme im englischen Original ausleihen kann. (Man darf aber nicht vergessen, dass es nötig ist, einen DVD-Spieler zu haben, der diese DVDs auch lesen kann). Wer so ein Gerät nicht hat, hat Pech und muss etwas anderes versuchen – zum Beispiel in der Stadt spazieren gehen. Man wird auf der Straße oft Englisch hören. Denn die Leute sagen häufig „Sorry“ statt „Entschuldigung“. Versucht man, die Unterhaltung dann auf Englisch fortzusetzen, wird man bemerken, dass die Leute einem nicht angesehen haben, dass man nur Englisch spricht, sondern dass man „Sorry“ nur aus dem Englischen übernommen hat, weiter aber auf Deutsch spricht.

Wenn man Glück, Geduld und einen Internetanschluss hat, wird man in Frankfurt noch viele Orte entdecken, an denen Englisch gesprochen wird wie z.B. den Turm-Palast – ein Kino, das englische Filme im Original zeigt, das englische Theater in der Kaiserstraße oder Debattierclubs auf Englisch, wie z.B. Toastmaster. Man kann in Frankfurt sogar auf einen Schreiner stoßen, der in der Schule immer eine Eins in Englisch gehabt hat. Aber dafür braucht man viel, viel Glück und eine kaputte Tür. Obwohl Frankfurt vielen, die nur Englisch sprechen und auch jenen, die ihr Englisch verbessern wollen, viele Möglichkeiten der Unterhaltung bietet, bleibt es dennoch eine Tatsache, dass niemand sich wirklich in einem Land integrieren kann, dessen Sprache er nicht spricht. Und um ehrlich zu sein, ich kann es kaum erwarten, Goethe im Original lesen zu können!

Der erste Tag am Studienkolleg

Der erste Tag am Studienkolleg

Bogdana-Lucia Draghici (Deutschland)

Nun stand ich davor, eine von circa 200 StudentInnen. Die meisten von uns prägte ein verunsicherter, panischer Gesichtsausdruck. Jeder einzelne von uns war auf sich selbst gestellt. Die Tatsache, dass alle fremd in diesem Land sind, nahm mir etwas meine Unsicherheit. Eine Ungewissheit blieb jedoch! Versteht man sich? Finde ich schnell den Anschluss zu den anderen Studierenden und zum Unterricht? All diese Gedanken gingen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, wie schon die Tage zuvor. Nun gut, ich fasste all meinen Mut zusammen, steckte mir schnell noch eine Zigarette an und wusste, jetzt muss ich da durch.

Ich ging hinein. Alle anderen hatten sich schon unten vor dem Sekretariat versammelt. Eine Liste hing aus mit der Verteilung der Kurse und der Räume. Ich ging in den Raum, in dem bereits KommilitonInnen aus meinem neuen Kurs warteten. Warteten auf was? Keiner von uns wusste, wie es jetzt weitergehen sollte. Die Wartezeit wurde genutzt, um einander zu „beschnuppern“. Man kam ins Gespräch und die Angst und Verunsicherung wurden im Laufe des Gesprächs weniger.

Ich stellte fest, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Nachdem wir mit der Vorstellungsrunde durch waren, war die Entscheidung der Sympathie gefallen. In der Pause ging es mit dem intensiven Kennen lernen weiter. Ich stellte mich zu zwei Kommilitonen aus meinem Kurs. Neben uns stehend unterhielten sich zwei Personen, die sich nicht kannten. Ungewollt bekam ich die Unterhaltung mit. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Das Gespräch lief abwechselnd. Woher kommst Du? Wie alt bist Du? Welche Nationalität hast Du? usw. Nun kam der junge Mann zu der entscheidenden Frage: „Wie bist Du nach Deutschland gekommen?“. Die junge Frau antwortete höflich: „Als Au Pair.“ Die Unterhaltung setzte sich fort, denn die Neugier des jungen Mannes war nicht zu stillen. Und somit erfolgte gleich darauf die nächste Frage: „Oh, das ist schön, und welche Art von Musik singst du in der Oper?“ Ich musste über dieses sprachliche Missverständnis schmunzeln und lachte innerlich. In dem Augenblick war ich klar im Vorteil, denn ich verstand!

Nach etwa zwei Monaten hatte sich das Rad gedreht. Derselbe junge Mann, über den ich zuvor gelacht hatte, saß neben mir im Matheunterricht und half mir bei einer für mich unlösbaren Aufgabe. Er brachte mich auf die Lösung! Jeder hat seine eigenen Hürden zu überwinden. Diese Erfahrung motiviert mich und lässt mich noch stärker an mein Ziel glauben.

Identität und Multikulturalismus in Frankfurt

Identität und Multikulturalismus in Frankfurt

Jennifer Cheng (Australien)

JenniferBevor ich nach Frankfurt kam hörte ich von vielen Leuten „Frankfurt ist eine sehr multikulturelle Stadt!“ Aber als ich tatsächlich ankam, sah die Realität etwas anders aus.

Was versteht man unter dem Begriff „Multikulturalismus“? Für mich handelt es sich dabei nicht nur um die ethnische Zusammensetzung einer Stadt und erst recht nicht um die Anzahl von „China“-Restaurants oder Döner-Imbiss-Ständen. Für mich hat es zu tun mit dem Lebensstil, der Denkweise und der Einstellung der Menschen.

Als ich Anfang der 80er Jahre in Sydney aufwuchs, tat ich das als Tochter taiwanesischer Einwanderer, die in einer Nachbarschaft aufwuchs, in der die Kultur der Mittelschicht des „weißen“ Australiens dominierte. Die Kinder, die in meiner Gegend wohnten, konnten nur Englisch, kannten nur westliches Essen und unternahmen ganz andere Freizeitaktivitäten als ich. Ich hatte deswegen kein richtiges Zugehörigkeitsgefühl und viele Schwierigkeiten damit, mich als Australierin zu bezeichnen.

Als ich dann aber zur Universität ging, lernte ich viele Leute kennen, die im Gegensatz zu mir aus ethnisch gemischten Gegenden Sydneys kamen oder selbst Kinder von Einwanderern waren. Im Unterschied zu meinen alten Mitschülern haben sie mich trotz meiner anderen Herkunft sehr gut verstanden. Und als ich von meinem ersten Aufenthalt in Deutschland nach Australien zurückkam, wurde mir bewusst, dass ich auch von meinen Landsleuten als „richtige“ Australierin betrachtet werde. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo Migranten für immer „Ausländer“ bleiben, ist die australische Gesellschaft so gestrickt, dass alle, die in Australien wohnen, auch als Australier betrachtet werden; unabhängig davon, welchen Pass sie besitzen. Erst da ist mir aufgefallen, wie multikulturell Australien ist und dass ich mich von ganzem Herzen als Australierin fühle.

Als ich in die „multikulturelle“ Stadt Frankfurt kam, habe ich gehofft, dass es eher wie in Australien ist, aber es war für mich wie eine Zeitreise zurück in die 80er Jahre, nur mit dem Unterschied, dass ich hier eine doppelte Ausländerin bin. Zum einen, weil ich in Deutschland tatsächlich Ausländerin bin, und zum anderen, weil mir die Deutschen immer ein anderes Heimatland zuschreiben wollen als Australien. Am Anfang war ich verwirrt, als mich ein Verkäufer im Elektromarkt fragte, wie denn der Markenname eines Produkts in China heiße, oder mich Bekannte fragten, ob ich in der Schule die chinesische Lautschrift gelernt habe. Bis dann der Groschen gefallen ist. Alle denken, ich bin Chinesin! Zumindest wollen sie, dass ich Chinesin bin, damit sie sich in ihrer Weltsicht wieder sicher fühlen. Wenn ich sage, dass ich aus Australien komme, fragen die meisten, „aber wo kommen Sie denn eigentlich her?“, als ob man ein echtes Herkunftsland und ein falsches hätte.

Fast jeder Tag in Frankfurt ist eine Herausforderung für mich, weil meine kulturelle Identität ständig in Frage gestellt wird. Ich kann nicht glauben, dass Frankfurt tatsächlich eine multikulturelle Stadt ist und versuche eine Erklärung dafür zu geben, woran das liegen könnte. Ich bin zu folgendem Schluss gekommen:

1. Die Deutschen versuchen immer, das Heimatland von anderen zu bestimmen. Dies geschieht nicht nur nach subjektiven Kriterien, indem sie das Aussehen einer Person in den Vordergrund stellen, – „aber Sie sehen doch chinesisch aus!“ – sondern auch nach objektiven, indem sie nach dem Geburtsort und der Staatsangehörigkeit fragen; was ich mir mit einer gewissen bürokratischen Besessenheit der Deutschen erkläre. Denn Staatsangehörigkeit bedeutet automatisch Heimatland und wehe dem, der versucht, das zu bestreiten!

2. Alles, was nicht europäisch ist, wird exotisiert, besonders Sachen aus Asien. So sieht man oft Schilder mit der Aufschrift „asiatische Spezialitäten“ oder „Asia Woche“. Ist das japanisch, chinesisch, vietnamesisch, indisch, türkisch, oder sonst noch etwas? Egal, man geht in ein „China-Restaurant“ oder man isst beim „Chinesen“, weil es dort doch so anders ist.

3. Was nicht Deutsch ist, wird eingedeutscht! Essen aus anderen Ländern wird immer dem deutschen Geschmack und den deutschen Gewohnheiten angepasst. Zudem gibt es Aufrufe für Entwicklungsländer wie „Brot für die Welt“ und „Brot statt Böller“. Dass Menschen in Entwicklungsländern vielleicht kein Brot als Grundnahrungsmittel essen, ist egal. Hauptsache ist doch, das deutsche Publikum fühlt sich betroffen, da ein Leben ohne Brot unvorstellbar ist.

4. Das Niveau kultureller Sensibilität ist bei den Deutschen relativ niedrig. Ich frage mich, was daran lustig ist, wenn Radiomoderatoren so tun, als ob sie von der Ausländerbehörde wären, um zur Unterhaltung Leute anzurufen und zu belästigen. Auch die Augen an der Seite hochzuziehen um „Schlitzaugen“ zu machen, soll angeblich nicht beleidigend sein, weil asiatische Augen ja „tatsächlich so aussehen“.

Wenn ich mich über das Verhalten der Deutschen beschwere, sagen die meisten, „aber das ist doch nicht böse gemeint!“ Wenn sich aber Menschen keine Mühe geben, andere Menschen und deren Denkweisen zu verstehen, sondern nur stur an ihre eigene Sichtweise glauben, dann halte ich das sehr wohl für böse gemeint. Denn erst dann, wenn alle schon einmal versucht haben, die Welt durch andere Augen zu sehen, können wir anfangen, über eine multikulturelle Gesellschaft zu reden.

Ohne Deutsch in Frankfurt

Ohne Deutsch in Frankfurt

Cristina Martin (Rumänien)

In einer kosmopolitischen Stadt wie Frankfurt zu leben, scheint einfach zu sein. Jeder denkt, dass man sich mit Englisch in dieser europäischen Bankenstadt gut verständigen und auch integrieren kann. Ist es aber wirklich so leicht, nur mit Englisch in dieser Stadt zu leben? Mit der Erfahrung eines Menschen, der vor kurzem noch kein einziges Wort auf Deutsch sagen konnte, kann ich sagen, dass der Eindruck, überall nur Deutsch zu hören und zu lesen, überwältigend ist. Deutsch, Deutsch, Deutsch, überall um dich herum: auf dem Flughafen, im Fernsehen, in den Geschäften und auf der Straße. Wer diese Sprache zuvor noch nicht beachtet hat, wird merken, wie wichtig sie plötzlich für einen ist, sogar im internationalen Frankfurt. (Uff, warum habe ich nicht auf meine Eltern gehört und früher Deutsch gelernt?) Für jemand, der erst vor einigen Tagen hier angekommen ist, ortsfremd ist und noch keiner geregelten Beschäftigung nachgeht, scheint das Fernsehen die Informations- und Unterhaltungsquelle Nummer eins zu sein. Dies aber nur, wenn man kopflos genug ist, zu vergessen, dass die westeuropäischen Sender (Holland ist hier eine glückliche Ausnahme) die schlechte Angewohnheit haben, fremdsprachige Filme und Sendungen zu synchronisieren.

Zum Glück gibt es in Frankfurt Orte, an denen man sich Filme im englischen Original ausleihen kann. (Man darf aber nicht vergessen, dass es nötig ist, einen DVD-Spieler zu haben, der diese DVDs auch lesen kann). Wer so ein Gerät nicht hat, hat Pech und muss etwas anderes versuchen – zum Beispiel in der Stadt spazieren gehen. Man wird auf der Straße oft Englisch hören. Denn die Leute sagen häufig „Sorry“ statt „Entschuldigung“. Versucht man, die Unterhaltung dann auf Englisch fortzusetzen, wird man bemerken, dass die Leute einem nicht angesehen haben, dass man nur Englisch spricht, sondern dass man „Sorry“ nur aus dem Englischen übernommen hat, weiter aber auf Deutsch spricht.

Wenn man Glück, Geduld und einen Internetanschluss hat, wird man in Frankfurt noch viele Orte entdecken, an denen Englisch gesprochen wird wie z.B. den Turm-Palast – ein Kino, das englische Filme im Original zeigt, das englische Theater in der Kaiserstraße oder Debattierclubs auf Englisch, wie z.B. Toastmaster. Man kann in Frankfurt sogar auf einen Schreiner stoßen, der in der Schule immer eine Eins in Englisch gehabt hat. Aber dafür braucht man viel, viel Glück und eine kaputte Tür. Obwohl Frankfurt vielen, die nur Englisch sprechen und auch jenen, die ihr Englisch verbessern wollen, viele Möglichkeiten der Unterhaltung bietet, bleibt es dennoch eine Tatsache, dass niemand sich wirklich in einem Land integrieren kann, dessen Sprache er nicht spricht. Und um ehrlich zu sein, ich kann es kaum erwarten, Goethe im Original lesen zu können!