Kategorie-Archiv: Soziales Engagement

Ehrenamtliche Mitarbeit in der JVA

Ehrenamtliche Mitarbeit in der JVA (Justizvollzugsanstalt)

Izabela Zielinska (Polen)
IzabelaIch bin im 3. Semester und studiere Diplompädagogik an der Uni Frankfurt. Meine ehrenamtliche Arbeit kann ich teilweise auch für das Einführungspraktikum im Grundstudium verwenden. In meinem Heimatland Polen habe ich bereits eine Lehre als Fotografin abgeschlossen. Demnächst möchte ich anfangen, in der Bewährungshilfe zu arbeiten. Fotos hinter Gittern Ich warte vor der Pforte eines Jugendgefängnisses. Bevor ich hineingelassen werde, muss ich meinen Ausweis abgeben. Weil ich auf der Liste der Ehrenamtlichen stehe, geht das Tor für mich auf. Einer von den Beamten lässt mich rein. Das ehemalige Kloster ist ummauert und mit Stacheldraht gesichert. Seit 1939 befindet sich hier die Justizvollzugsanstalt für männliche Jugendliche. Es ist sehr still hier. Jetzt schon, hinter der ersten Tür, fühle ich mich von der Außenwelt abgegrenzt. Der Weg an der Mauer entlang führt uns zu dem nächsten Tor. Mit einem der vielen Schlüssel wird es aufgemacht, nachdem ich hindurchgegangen bin, befinde ich mich in einem kleinen Hof. Der Beamte bringt mich zu weiteren Toren, die er hinter mir gleich abschließt. Ich bin in der Welt der jungen Menschen, die in dem Leben eine falsche Kurve genommen haben. Ich sehe die Kameras, die rund um die Uhr das Gelände beobachten. Ich lasse den Fußballplatz hinter mir und stehe vor einem der Häuser, in dem die strafgefangenen Jugendlichen wohnen. Vor jedem Haus befindet sich ein Platz, der eingezäunt ist und auf dem die Freistunde stattfindet. Ich schaue mich um. Jedes Gebäude sieht gleich aus: Ziegel, Fenster, Gitter... Die Aussicht wird durch die Mauern begrenzt. Es ist sehr ruhig hier. Plötzlich höre ich Rap-Musik. Die Töne kommen aus dem Obergeschoss. Der Beamte begleitet mich bis zu der Station. Der lange Korridor der Station ist in drei Bereiche geteilt. Zwei davon sind abgesperrt und für Zellen bestimmt. Im mittleren Teil befinden sich der Raum für die Beamten, die Zimmer für die Sozialarbeiter, zwei freie Räume und die Küche. Im Zentralpunkt ist ein offener Raum, in dem sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit treffen können. Als ich eintreffe, sind die Zellen gerade aufgeschlossen worden. Der Abend bringt Bewegung ins Haus. Es wird geredet, gespielt und gekocht. Es ist so wie in der Pause nach dem Unterricht. Während ich auf den mich betreuenden Sozialarbeiter warte, bleiben die Jungs bei mir stehen und fragen neugierig, wer ich bin und was ich hier mache. Sie sind freundlich, und meine Unsicherheit ist nicht mehr so stark. Ein paar von den jungen Männern kenne ich bereits von dem Weihnachtsfest (mein erster Besuch in der Anstalt). Wir kommen ins Gespräch. Es ist schwer zu glauben, dass die netten Jungs Schwerverbrecher sind. Was für ein Schicksal hat sie hierher geführt? Was haben sie getan, dass sie ein Teil ihres Lebens nun hinter Gittern verbringen müssen? Jetzt haben sie sich in Gruppen versammelt, spielen und lachen zusammen. Man sieht gleich, dass mehrere Nationalitäten hier aufeinander treffen. Das Schicksal hat sie zusammengeworfen. Mein Betreuer, der Sozialarbeiter und Leiter des Kurses, holt die Jugendlichen, die zur FOTO AG gehören. Der Fotokurs existiert neben den anderen Freizeitangeboten seit vielen Jahren. Ab heute gehöre ich dazu. Im Untergeschoss befindet sich eine kleine Dunkelkammer, in der die Kursteilnehmer ihre Schwarz-Weiß-Fotos entwickeln. Der Fotokurs ist wie eine „Insel“, auf der sich verschiedene Charaktere treffen, das soziale Lernen, die Gruppenarbeit hat Priorität, und es besteht die Möglichkeit zum freien Gespräch. Die Häftlinge lernen hier nicht nur die Entstehungsprozesse der Fotografie kennen,sondern auch die Grundsätze der Gruppenzugehörigkeit. Ich bin nun seit einem Jahr dabei und stehe dem Fotokursleiter und den Jungen zur Seite. Zusammen entwickeln wir neue Ideen und Themen für die „Fotos hinter Gittern“.Fotos hinter Gittern Die Jugendlichen haben in der Zeit viele Tricks der Fotografie kennen gelernt. In einer netten, freundlichen Atmosphäre gestalten wir sinnvoll die Freizeit. Obwohl es zu ständig wechselnden Teilnehmern kommt, z. B. wegen Entlassungen, schafft es die Gruppe immer wieder zusammenzuwachsen. Ich bin gerne dabei und mit Begeisterung beobachte ich die Entwicklung in den Gruppenprozessen. Während meines Praktikums im Jugendgefängnis habe ich eine mir unbekannte Welt kennen gelernt und bin jungen Menschen begegnet, denen ich in meinem Leben sonst nie begegnet wäre. Dadurch habe ich Zugang zu ihrer Wirklichkeit bekommen. In Einzelgesprächen, die ich seit ein paar Monaten führe, habe ich viel über das Leben hinter Gittern erfahren und über die Lebensgeschichte meiner Probanden* gehört. Aus den Kontakten lerne ich viel über die Jugendlichen und weiß, dass hinter der „bösen Fassade“ ein oft verletzter und vom Leben enttäuschter, einsamer Mensch steht. Ich wünschte, sie könnten aus der Schattenseite des Lebens heraustreten, Möglichkeiten für sich sehen und das Gute erleben. Leider haben viele von den jungen Männern ihre Hoffnung schon aufgegeben, und sehen keinen Ausweg. Unsere Aufgabe ist es, sie aufzuwecken und wieder in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. *Fachbegriff für die zu betreuenden Personen im Rahmen der Resozialisierung