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Ein Leben im Kampf gegen die Mafia

Ein Leben im Kampf gegen die Mafia

Maria Teresa Divittorio (Italien)

 

impastatoPlacido Rizzotto italienischer Politiker Peppino Impastato italienischer Politiker Pio la Torre Gewerkschaftler Carlo Alberto dalla Chiesa General dei Carabinieri Giovanni Falcone Staatsanwalt Paolo Borsellino Staatsanwalt Giuseppe Pugliesi Pfarrer bei einer Kirche in Palermo

Hat vielleicht jemand von euch einen dieser Namen schon einmal gehört? Diese sind nur wenige der vielen Namen von Personen, die gegen die Mafia gekämpft haben. Ihr Ziel war es, Gerechtigkeit herbeizuführen.

Photo veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Zentrums Impastato, http://www.centroimpastato.it

Wenn man über die Mafia spricht, spricht man normalerweise über Mafiabosse, ihre Hintermänner, ihre Familien und ihre Opfer. Ein Beispiel dafür ist die kaltblütige Liquidierung von sechs Italienern durch die Mafia in Duisburg im vergangenen Jahr. Viele Tage lang hat man nur von der Verstrickung der Getöteten mit der Mafia und den möglichen Auftraggebern für den Mordauftrag gehört.

Wie man leicht feststellen kann, werden viele Berichte über diesen kriminellen Bund verbreitet und nur wenig bis gar nichts über die Antimafia- Initiativen berichtet. Selten wird über bestimmte Gruppen und Vereine gesprochen, die gegen die Mafia kämpfen. Ihre Aktivitäten bleiben der Öffentlichkeit meist verborgen.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit sind die wichtigsten Werte dieser Antimafia-Gruppen. An diese Werte glaubte auch Giuseppe Impastato, von allen Peppino Impastato genannt, und für diese Werte ist er getötet worden. Er unterschied sich von den anderen Mafiagegnern durch sein jugendliches Alter und durch seine besondere Weise den Kampf gegen die Mafia durchzuführen. Peppino Impastato war ein Jugendlicher wie wir. Er war voller Lebenslust, Mut und Entschlossenheit. Diese Eigenschaften haben ihn bei seinem Kampf gegen die Mafia stets begleitetet.

Giuseppe Impastato wurde am 5. Januar 1948 in Cinisi, einer Provinz von Palermo, das in Sizilien liegt, geboren. Seine Familie war eine so genannte Mafia-Familie. Sein Onkel war der Mafiaboss Cesare Manzella, der 1963 in einem Auto in die Luft gesprengt wurde.

Peppino Impastato begann schon als Jugendlicher gegen die Mafia zu rebellieren. „Die Mafia ist ein Haufen Scheiße“, schrieb er auf ein Flugblatt, das er in der ganzen Stadt verteilte. Daraufhin wurde er von seinem Vater aus dem Haus geworfen und zum Schandfleck der Familie erklärt. Peppino Impastatos Elternhaus lag nur etwa 100 Schritte von dem Haus des Mafiabosses Gaetano Badalamenti entfernt. Dies ist auch der Grund dafür, dass der Film, der über ihn im Jahr 2000 unter der Regie von Marco Tullio Giordana gedreht wurde, den Titel „Hundert Schritte“ (Originaltitel: I cento passi) trägt.

Nach dem Bruch mit der Familie begann Peppino Impastato seine politisch- kulturellen Aktivitäten gegen die Mafia. Ab 1968 nahm er eine führende Rolle bei den Aktivitäten der „Neuen Linken“ ein. Er führte die Bauern bei ihren Protesten gegen die Enteignung ihres Landbesitzes wegen des Baus der dritten Piste des Flughafens in Punta Raisi (Palermo) an. 1975 gründete er die Gruppe „Musik und Kultur“, die kulturelle Aktivitäten (Musik, Theater, Kino und Diskussionen) organisierte.

1976 gründete er „Radio Aut“, einen freien Radiosender, d.h. privat und eigenfinanziert. Mit diesem Sender benannte er öffentlich die Verbrechen und die Geschäfte der Mitglieder der Mafia in Cinisi, deren Mafiaboss Gaetano Badalamenti war. Badalamenti spielte eine wichtige Rolle bei dem Bau des Flughafens in Punta Raisi, da das dort verwendete Material aus seinen Steinbrüchen stammte.

Die beliebteste Sendung bei „Radio Aut“ war die „Verrückte Welle“, in der auf satirische Art Mafiosi und Politiker verspottet wurden. Durch diese Initiative gelang es Peppino Impastato, zahlreiche Jugendliche für den Kampf gegen die Mafia zu gewinnen. Damit zeigte er, dass es möglich war, die Mafia zu besiegen. Es reichte nur die Angst und die stillschweigende Teilnahme zu überwinden. „Radio Aut“ vermittelte Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit durch Kunst, Musik, Kultur und Ästhetik und galt bald als der Ort der Antimafia-Bildung.

1978 kandidierte Peppino Impastato für die Kommunalwahlen auf der Liste „Proletarische Demokratie“. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai wurde er ermordet. Sein Körper wurde auf die Bahngleise geworfen und mit einer Ladung Sprengstoff in die Luft gesprengt. Dennoch wurde er von der Bevölkerung postum gewählt.

Die Justiz sprach von einem terroristischen Anschlag und sogar von Selbstmord. Dank der Aktivitäten des „Sizilianischen Dokumentationszentrum“, das 1977 gegründet wurde und nach Giuseppe Impastato umbenannt wurde, wurde der Fall wieder eröffnet. Das „Zentrum Impastato“ setzte sich dafür ein, den Kampf gegen die Mafia weiter fortzusetzen und Peppino Impastato Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Fall wurde viele Male ad acta gelegt und wieder eröffnet. Die Verantwortlichen der Irreführung der Untersuchungen, so stellte sich heraus, waren die staatlichen Institutionen. Dies wurde 1998 in einem Bericht des „Parlamentarischen Antimafia-Untersuchungsausschuss“ bekannt. Erst in den Jahren 2001 und 2002 (ungefähr 24 Jahre nach Impastatos Tod) wurden die Mafiabosse Vito Palazzolo und Gaetano Badalamenti zu 30 Jahren Haft, d.h. zu lebenslanger Haft verurteilt.

Auch Peppino Impastatos Mutter und sein Bruder nahmen an den Aktivitäten des „Zentrum Impastato“ teil. Impastatos Elternhaus ist heute ein Museum für den Kampf gegen die Mafia und steht für Besucher offen.
Zeichnung: Iris Borchhardt, Calabresisches Frühstück

Die Projekte des jungen italienischen Politikers sind zum Teil verwirklicht. Die Landbesitze, die Mitgliedern der Mafia gehörten, sind konfisziert worden. Sie werden heute von durch Jugendlichen gebildeten Agrargenossenschaften geleitet. In den Schulen und Universitäten werden Treffen und Seminare über das Thema Mafia organisiert. Stetig wächst die Zahl an Dokumentationszentren über die Mafia in Süditalien. Eines dieser Zentren liegt in Corleone (Palermo) und befindet sich im Haus des ehemaligen Mafiabosses Totó Riina. Das älteste und wichtigste Dokumentationszentrum ist jedoch das „Centrum Impastato“ in Cinisi. Auf seiner Webseite www.centroimpastato.it kann man auch Informationen auf Deutsch finden. Dank dieser Aufklärungsarbeit sind die Jugendlichen deutlich sensibilisierter gegenüber der Mafia als zuvor. Seit Jahren existiert in der neapoletanischen Vorstadt Scampia, einer der berüchtigtesten Camorra Stadtteile in Neapel, ein Kulturprojekt, das dem Zweck dient, den Kindern und Jugendlichen Alternativen zu einer kriminellen Lebensperspektive aufzuzeigen. Es existieren auch Zeitschriften und Webseiten, die regelmäßig über die gesellschaftlichen Hintergründe organisierter Gewaltkriminalität berichten. Lehrer versuchen ihre Schüler über die Ursache der Mafia aufzuklären. Es gibt immer wieder große Antimafia- Demonstrationen, an denen insbesondere Schüler und Studenten teilnehmen. Niemand im Ausland kennt die kalabresische Gruppe „I ragazzi di Locri“ (die Jugendlichen in Locri). Sie organisiert vielfältige Initiativen. Im November 2005 z.B. demonstrierten tausend von ihnen für den verzweifelten Widerstand gegen die kriminelle Gewalt mit dem Slogan „Für den Frieden, für die Legalität und für die Hoffnung“.

All das zeigt, dass die Mafia nur den Körper von Peppino Impastato getötet hat, aber seine Ideale und sein Geist weiter leben!

Ein Sprung in die Welt der Tarantella

Ein Sprung in die Welt der Tarantella

Maria Teresa Divittorio (Italien)

 

Tarantella Tanz

 

 

Foto: Ruggiero GorgoglioneMacht eine kleine Pause und kommt mit. Lasst euch von mir nach Süditalien, meine Heimat, entführen. Warum? Weil Ihr Tanzstunde habt. Heute bringe ich euch einen ganz besonderen Tanz bei: die Tarantella. Seid ihr bereit?

Schwingt die Arme vor dem Körper auf und ab, springt in die Luft und werft die Füße wechselweise nach vorne. Dazu hört ihr die „Pizzica“, eine höllisch-rhythmische Musik, die mit den Instrumenten Tamburin, Mandoline, Geige, Akkordeon und Mundharmonika gespielt wird. Ja, die Tarantella ist ein Tanz, der den ganzen Körper stark in Bewegung bringt und einen leicht aus der Puste kommen lässt. Ihr könnt ihn für euch oder mit anderen zusammen tanzen. Sind alle Bewegungen klar? Dann will ich euch, bevor wir weiter tanzen, erzählen, was es mit der Tarantella auf sich hat. Bitte setzt euch und hört zu!

Die Tarantella ist ein in Süditalien verbreiteter Tanz, der im Mittelalter entstand. Der Name Tarantella stammt von „Tarentula“ (deutsch: „Tarantel“), einer im Mittelmeerraum verbreiteten giftigen Spinne. Nach der Volksüberlieferung konnte der giftige Biss einer Tarantel nur durch diesen wilden Tanz geheilt werden. Besonders bei der Tätigkeit der Weizenernte lief man Gefahr von einer Tarantel gebissen zu werden. Da dies vornehmlich eine weibliche Tätigkeit war, waren davon besonders Frauen betroffen. Der deutsche Baron Johann Hermann von Riedesel (1740-1785), der während seiner Reise durch Süditalien 1767 zum ersten Mal mit der Tarantella konfrontiert wurde, hatte für die Bedeutung des Tanzes jedoch eine andere Theorie. Er glaubte, der Tanz sei ein Verführungstanz, mit dem die italienischen Frauen Männer bezirzen wollten. Denn seiner Meinung nach waren die Tänzerinnen zu alt und zu hässlich, um auf andere Weise noch zu einem Mann zu kommen. Wir wollen nicht wissen, wie Herr von Riedesel ausgesehen hat, sondern uns einem anderen Aspekt dieses Tanzes zuwenden, nämlich dem Religiösen.

Besonders für Süditalien ist es typisch, markanten Ereignissen eine religiöse Bedeutung zuzuschreiben, so auch der angeblich durch den Biss der Tarantel ausgelösten „Nervenkrankheit“, dem Tarantismus. Zum Schutz der von der Tarantel Gebissenen wurde deshalb der Heilige Sankt Paulus ernannt. Die Wahl des Sanctus fiel nicht rein zufällig, denn nach der Überlieferung hatte er den Biss einer Giftschlange überlebt und war geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Man führte die von der Tarantel Gebissenen in die Sankt Paulus Kirche in Galatina (eine Provinz von Lecce in Süditalien), um sie dort das heilige Wasser der St. Paulus Kapelle trinken zu lassen. Doch kam man schnell wieder von diesem Ritual ab, als öffentlich wurde, dass die während des Tanzes in Trance gefallenen Frauen den Ort durch ihr unsittliches Benehmen entweiht hätten. Man sprach davon, dass sie unter den Augen des Sanctus Geschlechtsverkehr nachgeahmt und auf den Altar uriniert hätten. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie groß die Empörung in der Bevölkerung war. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Heilige von seiner Beschützerrolle entbunden und es wurden keine vom Tarantimus befallenen Frauen mehr in der Sankt Paulus Kirche gesehen.

Doch wer glaubt, dass dies das Ende der Tarantella bedeutet hätte, irrt. Denn auch weiterhin wurden Frauen von Taranteln gebissen. Zur Austreibung der bösen Geister tanzten sie von nun an die Tarantella ausschließlich auf öffentlichen Plätzen. Der Tarantismus hatte somit nicht mehr den Charakter des Religiösen, sondern Esoterischen.

Der Ort, an dem die von der Tarantel Gebissenen tanzten, wurde normalerweise mit bunten Tüchern und anderen Gegenständen, wie z.B. Seilen, Leitern und Schwertern ausgestattet. Im Allgemeinen ließen die Erkrankten Musiker kommen, um die Pizzica zu spielen. Die höllische Musik begann und sie fingen an ekstatisch den Tanz der Tarantel zu tanzen. Während des Tanzes zeigten sich bei den Betroffenen Anzeichen von Besessenheit, deren Folgen epileptische Krisen oder depressive und melancholische Zustände waren. Während dieser Phase konnten sie Stellungen annehmen, die an die Haltung einer Tarantel erinnerten. So glaubte man, dass sich die Erkrankten mit der Tarantel, von der sie gebissen worden waren, identifizierten. Das Ritual endete damit, dass die Gebissenen sinnbildlich auf die Tarantel traten. Diese Tat betonte die Heilung von der Krankheit.

Spine
Zeichnung: Elena Agapova

Vielleicht fragt ihr euch, was heute von der Tarantella übergeblieben ist. Heute ist dieses Phänomen fast verschwunden. Regelmäßig wird jedoch noch am 29. Juni in der Sankt Paulus Kirche in Galatina eine Messe für die von der Tarantel Gebissenen gehalten. Das Ritual dauert allerdings nur wenige Minuten. Dies zeigt den Verlust der Tradition.

In den letzten Jahren ist die Tarantella ein folkloristisches Phänomen geworden. Den Volkstanz Tarantella tanzt man heute vor allem anlässlich von Volksfesten oder Veranstaltungen. In Süditalien hat man viele musikalische Gruppen und kulturelle Vereine gegründet, die den Zweck haben, diesen folkloristischen Tanz auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Die wichtigste kulturelle Großveranstaltung ist „La notte della Taranta“, d.h. „die Nacht der Taranta“. Das ist ein Musikfestival, das seit neun Jahren (ab 1998) in Melpignano, im Herzen der süditalischen Region Salento stattfindet. „Die Nacht der Taranta“ wird in den heißen Augustnächten gefeiert und normalerweise dauert sie zwei Wochen. Es handelt sich um das größte Musikfestival, auf dem sich die Pizzica Salentina mit anderen Musikrichtungen wie der World Musik, dem Rock, dem Jazz und der symphonischen Musik verbindet. Im ganzen Zeitraum dieser Veranstaltung erfolgt eine echte „Wallfahrt“ von Leuten nach Apulien. Sie zeigt, wie beliebt und berühmt das Festival ist. Natürlich seid ihr auch alle eingeladen mitzufeiern. Alles notiert? Alles verstanden? Jetzt können wir weiter tanzen. Hände und Arme vor dem Körper auf und ab…