Archiv der Kategorie: Polen

Belegte Sitzplätze

Belegte Sitzplätze

Marlena Baranska (Polen)

Es war für mich eine wirklich nette Überraschung, dass die Leute in Deutschland so behilflich sind. Ich meine nicht nur die Deutschen, sondern auch die Ausländer. Ich erinnere mich noch daran, als ich eine alte Frau nach dem Weg fragte. Ich sah, dass sie Probleme mit dem Laufen hatte, trotzdem ging sie mit mir fünf Minuten, um mir den Weg zu zeigen, obwohl sie eigentlich in die umgekehrte Richtung musste. Allerdings schockierte mich, dass junge Leute in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen und alte Leute stehen. Nur einmal habe ich gesehen, wie ein junger Mann einer alten Dame Platz machte. Auch gefällt es mir nicht, dass in Frankfurt sehr oft Verkehrsmittel, besonders Busse, nicht kommen. Ein paar Mal schon kam ich zur Haltestelle und musste lange warten, weil der Bus nicht kam und ich auf den nächsten warten musste. Das ist wirklich ärgerlich, besonders wenn es kalt ist. Die größte Überraschung für mich war der Weihnachtsmarkt in Frankfurt. Ich hatte schon viel davon gehört und hatte nun zum ersten Mal Gelegenheit ihn selbst zu besuchen. Die festliche Atmosphäre, die große Menge zufriedener Menschen, die vielen Verzierungen und sogar ein Mann, der auf der Straße Klavier spielte, waren wirklich wunderbar. Schade nur, dass es einen solchen Markt nicht in Polen gibt.

Soziologie in Krakau

Soziologie in Krakau

Agnieszka Satola (Polen)

Am 30. April 2005 wurde in Berlin das Deutsch – Polnische Jahr ausgerufen. Aus diesem Anlass möchte ich die meiner Meinung nach schönste Stadt Polens, nämlich Krakau, vorstellen. Ich hatte das Glück hier geboren zu sein und leben zu dürfen. Aber worüber soll ich eigentlich schreiben? Alle Informationen kann man doch im Internet finden. Ich möchte aber gern das vorstellen, was man nicht im Internet finden kann. Stellt euch ein Haus mit weißer Fassade vor, das aus dem 17. Jahrhundert stammt. Es macht schon von außen den Eindruck, dass hinter ihm eine lange und enigmatische Geschichte steckt. Wenn man rein kommt, spürt man die Wissensdünste, die in der Luft schweben und in den ersten Stock führen, wo es das Institut der Soziologie und das Institut der Philosophie gibt. Ja, in diesem monumentalen Gebäude an der Grodzka Str. 52 -Jesuiten Collegium – finden die Seminare für die Studenten der Soziologie statt. In diesem Gebäude haben die Jesuiten eine Schule im ersten Vierteljahrhundert errichtet, die als Konkurrenz für die Krakauer Akademie gedacht war. Ihre Aktivitäten dauerten bis 1773. Heute gehören die Räume der Jagiellonien Universität. Mit der Soziologie in Krakau werden Persönlichkeiten verbunden, wie beispielsweise Bronislaw Malinowski, der hier studierte und promovierte, und Kazimierz Dobrowolski, der Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Ethnographie und Soziologie ab 1957 war. Aber auch viele andere „Modellierer des Weges“, gestorbene und lebendige, laufen als Geist oder in leibhaftiger Gestalt über den Flur. Auf diesem Flur warten gestresste Studenten auf ihre Prüfungen und trinken Kaffee aus dem Kaffeeautomaten, der neben einen alten Kachelofen steht. Man kann auch z.B. einen während der Pausen mit Studenten sprechenden und Zigarette rauchenden Dr. Janusz Praglowski treffen, den größten und dabei dennoch bescheidensten Dozenten, der den Studenten so schön von Jean Jacques Rousseau erzählen kann, dass man ihm stundenlang ohne Pause zuhören mag. Am Ende des Flurs gibt es die Bibliothek für die Soziologen mit dem Zettelkatalog (doch vor Kurzem habe ich sogar einen Computer gesehen), in der man in dem kleinen Lesesaal, dem so genannten Kaminsaal (weil da ein alter Kamin steht), in Ruhe und in intellektueller Atmosphäre soziologische Werke lesen kann.

Wie das Gebäude, so ist auch Krakau die Wiege der polnischen Kultur. Hier sammelt und konzentriert sich wie in einer Linse der ganze literarische, wissenschaftliche und moralische Ertrag der polnischen Gesellschaft. Auf dem Hauptmarkt stehen Cafés, in denen jahrzehntelang die Boheme zu Gast war. Zwischen einerseits düsteren Winkeln und andererseits frisch renovierten Sehenswürdigkeiten mischen sich das Alte und das Moderne. Allein dieser Kontrast ist schon eine Reise nach Krakau wert.

Alle Informationen über die Krakauer Geschichte stammen von Jerzy Wyrozumialski: Dzieje Krakowa, 1992.

Die Legende vom Krakauer Drachen

Die Legende vom Krakauer Drachen

Agnieszka Satola (Polen)

Krakauer Drache
Vor vielen, vielen Jahren lebte in einer Burg auf dem Wawel-Berg oberhalb der Weichsel der legendäre König Krak. Er war ein großzügiger Herrscher, der sich immer sehr um das Wohl seiner Untertanen kümmerte. Er sorgte dafür, dass sie in Frieden und Wohlstand leben konnten. Eines Tages aber wurde das friedliche Leben gestört. In der Grotte unter dem Wawel-Berg hatte sich ein furchterregender Drache niedergelassen. Er war sehr wütend und die Bewohner mussten ihm, um ihn zu beunruhigen, eine bestimmte Zahl von Schafe vor seine Höhle legen. Wenn die Bürger die geforderte Anzahl von Vieh nicht liefern konnten, fraß er statt dessen einen Menschen auf. Seine Leckerbissen waren vor allem jungfräuliche Mädchen. Viele tapfere Ritter versuchten den Drachen zu töten, aber ohne Erfolg. Endlich gelang es aber dem König Krak, den Drachen mit einer List zu bekämpfen.

Er befahl ein mit Schwefel ausgestopftes Schafsfell vor den Höhleneingang hinzulegen. Man füllte also das Fell eines Schafes so aus, dass es wie ein echtes aussah. Der hungrige Drache fraß das schwefelhaltige Schaf auf, ohne den Unterschied zu bemerken, und verspürte kurz darauf ein fürchterliches Brennen im ganzen Körper. Er versuchte seinen brennenden Durst mit dem Wasser der Weichsel zu löschen. Er trank und trank. Dabei trank er so viel, dass man schon fast kein Wasser mehr im Fluss sehen konnte. Obwohl es in seinem Bauch keinen Platz mehr gab, trank er weiter, bis er schließlich mit einem lauten Knall zerplatzte. Daraufhin herrschte große Freude in der ganzen Gegend und zu Ehren des Königs Krak gab man der Stadt den Namen Krakau, um ihn in dieser Weise in Erinnerung zu behalten.

Die Wohnstätte des Drachen kann man heute noch besichtigen. Vor dem Eingang zur Grotte steht seit 1972 eine große Skulptur des Drachens, entworfen von einem der berühmtesten Künstler Krakaus, Bronislaw Chromy. Der Drachen spuckt symbolisch immer noch Feuer.

Erinnerung an Krakau

Erinnerung an Krakau

Jagoda Czerwonka (Polen)

Jagoda

Fotos von Krakau: Aldona Loster (Polen), Joanna Masseli (Polen), Jagoda Czerwonka (Polen)

Krakau
Krakau strahlt Romantik aus und ist die Stadt der Künstler. Es ist zwar schon längst nicht mehr die Hauptstadt, aber für viele Polen bleibt Krakau für immer die wichtigste Stadt. Ich liebe diese Stadt. Ich mag es, die Bilderverkäufer anzusprechen und mich mit ihnen über ihre Bilder zu unterhalten. Oder in eine Kneipe zu gehen. Aber es muss eine Kneipe im Keller sein, denn dort lernt man die interessantesten Leute kennen. Es sind diejenigen, die keine Sonne mögen und die Taschen immer voll mit Zeichnungen haben. Sie sprechen einen oft an. Meist suchen sie den Sinn des Lebens. Wenn man mit ihnen so im gemauerten Keller sitzt, beim Licht der Kerzen und bei melancholischer Musik, kann man schnell die Welt draußen vergessen.

Krakau
Die Uhren bleiben stehen. Die Stadt ist magisch, es gibt Straßen, in denen es immer regnet, und Straßen, in denen immer die Sonne scheint – zumindest hat man diesen Eindruck. Und alles ist alt. Man spürt geradezu die Geister der Menschen, die da vor Jahrhunderten gelebt haben, und kann hören, wie sie einem ins Ohr flüstern. Im Park trifft man alte Menschen, die Vögel füttern. Sie haben so etwas Majestätisches in den Augen, das einen hindert wegzusehen, wenn man hineinschaut.

Krakau
Krakau

 

Die Straßen sind immer voll, stets gibt es kilometerlangen Stau und die Busfahrer fahren extra weg, wenn sie verspätete Passagiere zum Bus rennen sehen. Im Bus versuchen sich die Leute dann die Zeit zu vertreiben, indem sie etwas in ihren Taschen suchen oder die Anzeigen an den Scheiben lesen. Man weiß ja nie, welche Chancen einem das Leben bietet. Hinten im Bus sitzen immer die jungen Künstler. Sie haben oft interessanten Kram auf dem Schoß: Gedichte, Theaterstücke oder Zeichnungen. Die anderen schauen kurz hin, aber dann gucken sie schnell weg und blättern in einem Buch, das genau erklärt, wie man leben soll. Es gibt ein sehr schönes jüdisches Stadtviertel, das Kazimierz heißt. Da kann man viel von der jüdischen Kultur kennen lernen: das Essen, die Häuser, die Musik und die Gebräuche. Wenn man nachts spazieren geht, kann es passieren, dass ein roter BMW mit lauter Musik an einem vorbeifährt und an der nächsten Ecke hält. Ein paar Jungs steigen aus, um sich Zigaretten zu kaufen, die anderen bleiben im Wagen sitzen und pulsieren in der Dunkelheit bei einem Techno Beat. Sie bleiben lieber drinnen, weil sie wissen, dass sie hier wie Außerirdische sind. In der Nacht wird es spannend, die Zigaretten blinken wie rote Augen von wilden Tieren. Ich weiß noch, als ich 15 war, galt es als Mutprobe über einen alten Friedhof zu gehen. Es war aber gar nicht unheimlich, ganz im Gegenteil, es gab da viele schöne Rosenkränze, Skulpturen und auf jedem Grab schienen Kerzen. Angst hatte ich nur um all die Leute, die da beteten, weil es so aussah, als ob sie mit den Geistern sprachen.

 

Den Tag habe ich am liebsten an der Wisla verbracht. Da kann man viele Jugendliche treffen, die die Schule schwänzen, ihre erste Zigarette rauchen, zeichnen, Gedichte schreiben oder über Dinge reden, von denen sie eigentlich noch nichts wissen sollten. Einmal im Jahr, und zwar immer zum Sommeranfang, gibt es eine besondere Nacht an der Wisla. Es gibt wunderbare Musik zum Tanzen und ein Feuerwerk. An diesem Tag ist es Brauch, dass jede Frau, die noch keinen Mann hat, einen Blumenkranz trägt. Diesen wirft sie dann um Mitternacht in den Strom des Flusses, der ihr daraufhin ihre zukünftige Liebe im Wasser spiegelt.

Der Krakauer Drachen spuckt Feuer aus, und wie jedes Jahr um diese Zeit fängt es an, heftig zu regnen. Aber es macht nichts, die Nacht ist ja magisch und der Regen bringt Freude und Lachen.

Krakau
Krakau
Krakau

Krakau-Schwärmereien

Krakau-Schwärmereien

Katarzyna Mastalerz (Polen)

Krakau ist eine Millionenstadt im Herzen Europas, die ehemalige Hauptstadt Polens und die Geburtsstadt polnischer Könige. Krakau, Stadt der Reflexion und des Schauens, Stadt der Bohème und der Wissenschaft, mit einer der ältesten Universitäten Europas. Krakau, Stadt von Hunderttausend Studenten, Stadt der Toleranz und des Nebeneinander verschiedenster Kulturen. Stadt der Poesie. Eine Stadt der Kunst, des Theaters und der musikalischen Klänge. Krakau, eine Stadt die sich den Freuden des Lebens hingibt. Stadt der Zusammenkunft, der Festivals und Kongresse, Stadt der Kaffeehäuser und Restaurants, deren Schönheit ein jeder verfällt, der bloß für einen Augenblick die Altstadt betritt.