Archiv der Kategorie: 1968

Die 1968er Porträts

Porträts

Studentenführer in Ost und West

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Adam Michnik (geboren am 17. Oktober 1946 in Warschau) gehört zu den bekanntesten Intellektuellen Polens. 1964 beginnt er das Studium der Geschichte an der Warschauer Universität, wird aber aufgrund seiner oppositionellen Tätigkeiten mehrmals von der Universität verweisen. Wegen seiner führenden Rolle bei den März-Ereignissen in Polen (siehe Seite 17) bekommt er schließlich endgültig seine Studentenrechte aberkannt und wird verhaftet. Erst Mitte der 70er Jahre wird ihm erlaubt weiter zu studieren, so dass er sein Studium abschließen kann. Auch danach setzt sich Michnik „für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ein. Von 1980 an ist er Berater der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc. Als 1970 das Kriegsrecht verhängt wird, wird er mit anderen Oppositionellen verhaftet. Das Angebot frei zu kommen, wenn er das Land verlässt, lehnt er in einem offenen Brief ab. 1984 wird er aus der vier Jahre andauernden Untersuchungshaft entlassen, doch 1985 wegen Beteiligung an Streikvorbereitungen in der Leninwerft Danzig erneuet für ein Jahr verhaftet. Nach seiner Freilassung setzt er sich für die Durchführung demokratischer Wahlen ein, wird selbst zum Angeordneten gewählt und gibt für Lech Walesa die Wahlzeitung „Solidarität“ (Gazeta Wyborcza Solidarnosc) heraus. Obwohl zunächst als reine Wahlkampfzeitung geplant, erscheint die Gazeta Wyborcza weiter und ist mittlerweile unter Michnik die auflagenstärke Tageszeitung des Landes. Heute stimmt Michnuk einen eher versöhnlichen  Ton an, indem er sich der Forderung nach einem „dicken Schlussstrich“ (gruba kreska) zugunsten des gesellschaftlichen Friedens anschließt. 2001 versöhnt er sich mit General Czeslaw Kiszczak, der früher für seine Inhaftierung verantwortlich war.

(Vgl. http://www.wikipedia.de, Stichwort: Adam Michnik).

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Rudi Dutschke (geboren am 07. März 1940 in Schönefeld/Mark Brandenburg, gestorben am 24. Dezember in Aarhus/Dänemark) gilt als Vordenker und Sprachrohr der Studentenbewegung in Deutschland. 1961 siedelt er nach West-Berlin über, um an der FU Berlin das Studium des Soziologie aufzunehmen. Dort wird er in den politischen Beirat des SDS gewählt. Nach dem Motto „ohne Provokation werden wir überhaupt nicht wahrgenommen“, ruft er zur Bildung einer außerparlamentarischen Opposition gegen die Große Koalition aus SPD und CDU/CSU auf. Unter anderem organisiert er zahlreiche Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, nimmt am Hungerstreik gegen den inhaftierten Fritz Teufel auf der Kommune I teil und ist Mitorganisator der Springer-Kampagne, in der die Enteignung Axel Springers gefordert wird. In Folge einer Hetzkampagne in der BILD-Zeitung wird auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 ein Attentat verübt, das er nur knapp überlebt. Nach dem Anschlag wird Dutschke an der FU Berlin zum Dr. Phil. promoviert. Am 24. Dezember 1979 stirbt er in Dänemark untertratet an den Spätfolgen des Attentats. Rudi Dutschke war ein Mann des Wortes, von terroristischen Aktionen grenze er sich deutlich ab, sie bezeichnete er als „Zerstörung der Vernunft“.

 

(Vgl. http://www.mythos-dutschke.de).

Die 1968er Italien

Die 1968er Italien

Ruggiero Gorgoglione (Italien)

„Die letzte Schlacht gewinnen wir“ war 1969 der Slogan des SDS (Sozialistischer- Demokratischer- Studierendenverband) in Deutschland. Ein denkwürdiges Jahr, wobei die ganze Welt in Aufruhr war. Vierzig Jahre nach den Geschehnissen von 1968 gibt es noch immer viele Auseinandersetzungen über dieses Jahr und über seine Folgen. Für manche sind die 68er die Ursache der Probleme unserer Gesellschaft. Die ehemalige Tagesschausprecherin und Sachbuchautorin Eva Hermann zum Beispiel glaubt, dass die 68er eine Diktatur gewesen sei, die die Werte der Familie zerstört habe. Andere Autoren denken an Terrorismus und kiffende Jugendliche, wenn sie 1968 hören. Damit man die Wahrheit über diese Anklage überprüfen kann, ist eine historische Analyse nötig. Denn meiner Meinung nach haben die Anklagen gegen die 68er nur zum Ziel, zu verschleiern, dass man Arbeitern, Studenten, Frauen und Angehörigen anderer Kulturen weniger Rechte zubilligen will.

Die Bewegung war von internationalem Charakter. 1968 war „nur“ der Höhepunkt des Aufruhrs gegen die ideologischen Systeme im Westen und Osten. Tatsächlich begannen die Proteste schon Ende der 50er Jahre und setzten sich während der nächsten Jahre mit zunehmend wachsender Anhängerschaft fort. Gegenstand der Proteste im Westen waren der Vietnamkrieg und das Wettrüsten im Kalten Krieg, die Macht der Wirtschaft mit ihren Folgen auf die Gesellschaft, der ideologische Einfluss der Massenmedien, die Konsumgesellschaft und die mit ihr verbundene Umweltverschmutzung sowie die Benachteiligung der Frauen in der Gesellschaft. Die Propheten dieser Rebellion waren sowohl die Wissenschaftler der kritischen Theorie wie Herbert Marcuse als auch Rockstars wie beispielsweise Bob Dylan. Die Jugendlichen interessierten sich für verschiedene Kulturen, stellten sich eine friedvolle Welt vor, erfanden neue Weisen des Zusammenlebens. Obwohl die 68er-Bewegung einen internationalen Charakter hatte, entwickelte sich jede nationale Bewegung unterschiedlich, abhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen Situation des eigenen Landes. Ich möchte mich auf die 68er in meinem Land – Italien – konzentrieren.

Das italienische Wirtschaftswunder der 50er Jahre verlief auf eine besondere, spalterische Weise. Während Norditalien zu einem Industrieland aufstieg, blieb der Süden des Landes weiterhin unterentwikkelt und von Landwirtschaft geprägt. Folge war eine Abwanderung der Arbeiter mit ihren Familien in die im Norden liegenden Firmen. Dort lebten sie unter schlechten Bedingungen. Sie wohnten mit vier oder fünf weiteren Familien zusammen in einer Wohnung, da die Löhne niedrig waren. Auch der Bereich der Bildung war reformbedürftig. Die Lehrinhalte an der Universität waren noch immer von faschistischer Ideologie geprägt und auch die Allgemeinbildung in der Bevölkerung ließ zu wünschen übrig. Viele Italiener hatten die italienische Hochsprache nur über das Fernsehen gelernt. Die Parteien und die Gewerkschaften waren unfähig, diese Probleme zu verstehen, geschweige denn dagegen vorzugehen. Deshalb begannen junge Forscher wie Mario Tronti, Raniero Panzieri und Tony Negri in den ersten 60er Jahren eine neue marxistische gesellschaftliche Theorie zu entwickeln. Nach dieser „Operaimus“ genannten Theorie sollten Arbeiter, Studenten und Wissenschaftler eine neue sozialistische demokratische Gesellschaft ohne Parteien und andere hierarchische Strukturen gründen. Diese Theorie inspirierten die Proteste an den Universitäten und in den Firmen, die während des Herbstes von 1968 ihren Höhepunkt fanden. Sie kulminierten in Streiks und der Besetzung von Universitäten. In dieser Zeit wurden Vereine wie Lotta Continua, Potere Operaio, il Manifesto gegründet. Durch die Rebellion wurde zwar nicht die Abschaffung des Kapitalismus erreicht, aber eine Verbesserung der Lebensbedingungen. Außerdem hatten die Studenten mehr Rechte erhalten. Trotzdem wurden die Proteste gegen die Regierung fortgesetzt, da es noch viel Unrecht in der italienischen Gesellschaft gab (und heute leider noch gibt).

Die Geschichte der italienischen 68er zeigt, dass das Problem nicht die Bewegung an sich war. Vielmehr lag das Problem in der ungerechten kapitalistischen Gesellschaft und ihren Widersprüchen. Sie war der Auslöser der Unruhen. Im Grunde waren die 68er, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard gezeigt hat, ein Aufruhr gegen die Welt der Produktion, wodurch die Arbeitskraft des Menschen zur Ware degradiert wurde.

Die 1968er Deutschland

Die 1968er Deutschland

Elena Agapova (Russland)

Es gibt Jahreszahlen, die stehen für bestimmte Ereignisse: 1917 oder 1945 zum Beispiel.

Es gibt aber auch Jahre, in denen genug Ereignisse passierten für ein ganzes Jahrzehnt. 1968 steht für weltweite Studentenproteste, Notstandsgesetze, für die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, den Prager Frühling und das Massaker von My Lai, aber auch für Musik, Drogen, freie Liebe und Miniröcke. Das Jahr ist eng verbunden mit Namen, wie Robert F. Kennedy, Martin Luther King, Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Die 68er protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die atomare Ost-West-Teilung der Welt, die rigide Sexualmoral, die starre Lebensweise der Gesellschaft und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße – und unter der Chiffre „68“ in die Geschichtsbücher ein. Paris, Berlin, Frankfurt, New York, Berkeley, Rom, Prag, Rio, Mexico City, Warschau – das waren die Orte einer Revolte, die um den gesamten Erdball ging und Herzen und Träume einer ganzen Generation eroberte. (Vgl. http://www.bpb.de/themen/UEZYL5,0,0,Dossier_68er.html, http://www.bpb.de/themen/PLJ2QN,0,0,1968_als_transnationales_ Ereignis.html)

„1968“ steht also für die Sozialbewegungen, die sich gegen die herrschenden Klassenstrukturen wandten. So gab es Studenten, die versuchten durch Agitation die Masse der lohnabhängigen Arbeiter dazu zu bewegen, gegen die industrielle Ausbeutung ihrer Arbeitskraft vorzugehen. Ihr Engagement richtete sich aber auch „gegen die Kluft zwischen Arm und Reich in den wohlhabenden weißen Weltmetropolen und den armen, von Schwarzen bewohnten Weltdörfern.“(Zitat und Vgl. Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main. Bd. 27, Jan Gerchow (Hg.): Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung, 2008. S. 270)

Der Kampf der 68er gegen das Establishment war auch ein Kampf gegen die Religion. Diese galt ihnen als „Opium des Volkes“, die Kirche als moralisierende Instanz. Die meisten 68er wandten sich ab von Kirche und Religion – und fanden Halt bei Nietzsche, Hegel und Marx. (Vgl.http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/das-war- 1968-die-politik-gesellschaft-und-kultur-eines-bewegten-jahres/ 73528.73543.die-gesellschaft-der-68er.html)

Obwohl die Bewegung von 1968 immer wieder ausführlich diskutiert worden ist, wird dabei der Anteil der Frauen meistens verschwiegen. Als Hauptdarsteller werden Männer wahrgenommen wie Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg und Joschka Fischer. Doch die „68erinnen“ waren an allen Debatten und Aktionen beteiligt, haben sie zum Teil sogar selbst angestoßen. Sie rebellierten gegen die traditionelle Rolle der Frauen – 1968 war auch die Geburtsstunde der neuen Frauenbewegung. Eine ihrer bekanntesten deutschen Vertreterinnen ist Alice Schwarzer. Den „bewegten Frauen“ gelang es, die in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Alltags herrschende Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen gesellschaftlich bewusst zu machen und in Teilen auch zu reformieren. (Vgl. http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/das-war- 1968-die-politik-gesellschaft-und-kultur-eines-bewegten-jahres/ 73528.73543.die-gesellschaft-der-68er.html)

Aber nicht nur sozialpolitische sondern auch wissenschaftliche Aspekte wurden in Frage gestellt. Die Krise, in der sich die Universitäten und das gesamte deutsche Bildungssystem befanden, wurden schließlich durch die studentischen Unruhen 1966 offenkundig. Raumnot, völlige Überfüllung von Lehrveranstaltungen, der Mangel an Lehrpersonal seit Anfang der 1960er Jahre sowie die unerträglich autoritären Verhältnisse zwischen Professoren und Studenten zwangen Studenten auf die Straße zu gehen und Vorlesungen zu boykottieren. Ausgehend von den Universitäten versuchten sie, das gesamte Bildungswesen und die Pädagogik zu reformieren. Dabei wurde häufig auf die antiautoritäre Reformschule „Summerhill“ von A.S. Neill Bezug genommen. Unter dem Credo „Bildung für alle“ entstanden beispielsweise kommunale Kinos, Lehrlingstheater und Arbeiterschriftstellervereine. In den Schulen legten die jungen Lehrer zusammen mit den Schülern Wert auf partnerschaftliche Umgangsweisen, änderten den Unterrichtsstil, setzten auf Diskussionen und rationale Begründungen statt Kathederwahrheiten und ersetzten autoritäres Auftreten durch persönliche Verbindlichkeit und sachorientierte Kompetenz. Seit 1968 haben sich die Schulen unzweifelhaft verändert, sind zivilisierter und humaner geworden. Erziehungsstile sind entlasteter und freier geworden, die Familienbeziehungen ein Stück offener. (Vgl. Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main. Bd. 27, Jan Gerchow (Hg.): Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung, S. 27, 33, 35, 36)

In diesem Sinne wurde auch der gemeinsame Lebensstil umgestaltet. Eine neue Form des Zusammenlebens wurde in den Wohngemeinschaften (WGs) erprobt. Die WG-Bewohner teilten Küche, Bad und – sofern das Budget es erlaubte – das Wohnzimmer. Die Privatsphäre wurde bewusst durch ausgehängte Zimmertüren klein gehalten. Eine ausgeprägte Diskussionskultur war typisch für die 68er Wohngemeinschaften, in denen die fixen Rollenbilder der Kleinfamilie, in welchen der Mann das Geld nach Hause bringt und die Frau den Haushalt führt, bewusst aufgebrochen werden sollten. (Vgl. ebenda, S. 60.)

Als erste „TV-Generation“ konnten die „68er“ ihre Rebellionen gegenseitig im Fernsehen verfolgen, an den Aktionen der anderen Studierenden von Berkeley bis Tokio ein Beispiel nehmen und stimulierend auf diese zurückwirken. Der Slogan, der damals um die Welt ging, lautet entsprechend: „The Whole World is Watching“. Das Fernsehen bildete das eigentliche revolutionäre Subjekt von 1968. Es gab ein festes Zeichensystem, mit dem man weltweit seine Zugehörigkeit zur Protestbewegungen bekunden konnte. Dazu gehörten vor allem die „Säulenheiligen“ Che Guevara, Ho Chi Minh und Mao Tze-tung. (Vgl. ebenda, S. 156.)

Auf kultureller Ebene offenbarte sich dies im weltweiten Erfolg von Künstlern wie Joan Baez, Janis Joplin, Bob Dylan, The Doors, oder Jimi Hendrix. Auch Ereignisse wie Woodstock oder das Musical „Hair“ wurden zu Symbolen musikalischer Rebellion und jugendlichen Unbehagens mit der Welt. Durch ihre spezifische Haartracht, Kleidung und Körperhaltung waren Angehörige der Gegenkultur für Freund und Feind schnell zu identifizieren. Grundsätzlich verkörperte das informelle Äußere die unter Jugendlichen besonders ausgeprägte Skepsis gegenüber Normen wie Disziplin, Gehorsam und Unterordnung. Vgl. http://www.jahr1968.de /musik.html)

Seit 1966 wurde die Kleidung lockerer und bunter, der allseitig verwendbare Parka ersetzte den früheren Mantel. Frauen trugen Miniröcke oder lange Hippiekleider mit Batikmustern, farbenfrohe Plateauschuhe kamen in Mode und die Jeans setzte sich bei beiden Geschlechtern als Alltagskleidung (nicht nur im Freizeitbereich, sondern auch im beruflichen Alltag) durch.

In der Inneneinrichtung setzte sich immer stärker ein Baukastenstil durch. Gekauft wurden nicht mehr einheitliche Möbel für die Wohnung, sondern eine wilde Kombination von unterschiedlichen Stilen und Richtungen. (Vgl. Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main. Bd. 27, Jan Gerchow (Hg.): Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung, S. 212.)

1968 war und ist für die einen ein einzigartiges, magisches Jahr, in dem die Studenten endlich gegen den „Muff von tausend Jahren“ und die „Spießerhöllen“ endlich und mit Recht die Werte und Vorstellungen der älteren Generation in Frage stellten. Für die anderen war es eine Irrung der Jugend. Dennoch steht fest, dass die Bewegung der 68er das öffentliche wie private Leben weltweit reformiert hat. Bis heute hat sie deutliche Spuren hinterlassen und ist aus unserem Bewusstsein nicht mehr wegzudenken

Die 1968er Interview mit Prof. Dr. Tilla Siegel

Die 1968er Interview mit Prof. Dr. Tilla Siegel

Maria Teresa Divittorio und Ruggiero Gorgoglione

Viele der so genannten 68er sind heute etabliert und nehmen wichtige Bereiche in der Gesellschaft ein. Einige von ihnen sind in die Politik und Wirtschaft gegangen, andere sind Künstler geworden und wieder andere haben sich dafür entschieden, eine akademische Karriere einzuschlagen. Prof. Dr. Tilla Siegel ist eine Protagonistin aus der Zeit und es hat uns sehr gefreut, sie als Zeitzeugin interviewen zu dürfen. Seit 1994 ist Dr. Tilla Siegel Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziologie industrieller Gesellschaften am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Während der 68er studierte sie am Dolmetscher-Institut der Universität Heidelberg.

Frau Professor Siegel, dieses Jahr finden Gedenkfeiern zu dem Jahr 1968 statt, haben Sie schon eine besucht?

Ich mag die Gedenkfeier über die 68er nicht und bin deshalb auch auf keiner der Veranstaltungen gewesen. Es ist oft so eine Männerveranstaltung und ich finde mich da nicht wieder. Es war eine ganz, ganz wichtige Zeit für mich. So ist es nicht. Das Politisch sein, das eigene Verändern und das gesellschaftliche Verändern waren eng miteinander verbunden. Es prägt mich heute noch.

Wie sind Sie auf die 68er-Bewegung gestoßen?

1968 ist ja nur so ein Name für eine Zeit, die früher anfing und später aufhörte. 1966/1967 ging sie im Grunde schon los und 1970 ist sie bereits zu Ende gegangen und in Parteien übergegangen. In Heidelberg gab es zuerst nur eine kleine Gruppe, die dann schnell angewachsen ist wie überall in den Universitätsstädten. Insofern kann man nicht sagen, ich bin auf die Bewegung gestoßen. Man kam dazu über zufällige Bekanntschaften und über die Diskussionen, die überall geführt wurden. Ich war vorher nicht sehr politisch, aber es interessierte mich und es waren die Widersprüche in der Gesellschaft, die mich beschäftigt haben.

Haben Sie Beispiele?

Es war die Enge. Ich habe jetzt lange nicht mehr darüber nachgedacht. Ich kann Ihnen das sehr schwer erklären. Wie soll ich das sagen?.Das Politische und Private gehörten ganz eng zusammen. Wir sind ja aufgewachsen als Kinder, denen erzählt wurde, ihr lebt in einer freien Gesellschaft, in der Demokratie und Freiheit herrscht. Wir waren Kinder der Kalten Kriegspropaganda und haben daran geglaubt, was uns erzählt wurde. Was wir dann erlebt haben, auch an der Universität, hatte jedoch überhaupt nichts mit Demokratie zu tun. Als Frauen konnten wir uns eben nicht frei bewegen, wir sollten uns auf die Heirat konzentrieren und waren auch nicht so anerkannt wie unsere männlichen Kommilitonen. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Die Studenten wurden mit „Herr Mayer“ angeredet, während wir Studentinnen mit „Fräulein“ angesprochen wurden. Das war schon sehr herablassend. Ich weiß noch, eine Freundin von mir heiratete und galt dann plötzlich als Frau. Sie wurde ganz anders behandelt. Als Frau an sich und dann noch als Unverheiratete wurde man einfach nicht ernst genommen. Wenn man einen Freund hatte, durfte man ihn nicht mit auf sein Zimmer nehmen, auch die sexuelle Enge und Verklemmtheit war belastend. So kam eben die Vorstellung, es kann auch anders sein. Wir wollten unser ganzes Leben verändern, und zwar hier und heute. Dann kam noch das Politische hinzu, wie der Besuch des Schahs. Eigentlich war ich sehr unpolitisch, doch ich sagte mir, ja eine Diktatur darf es nicht geben und der Besuch dieses Diktators empörte mich wie viele andere auch. In der Öffentlichkeit wurde über Politik sehr lebendig diskutiert, so hat man dann auch als eigentlich unpolitischer Mensch sehr schnell gelernt.

Wie wurde die Emanzipation der Frau von der Gesellschaft aufgenommen? Meinen Sie, dass sich die Rolle der Frau heute geändert hat?

Die Emanzipation der Frau wurde in der Gesellschaft abfällig betrachtet: emanzipierte, selbstbewusste Frauen beschimpfte man als Emanzen und glaubte sie äußerlich an der Brille erkennen zu können. Brillen waren ein Symbol für Intellektualität. Dies galt bis in die frühen 60er als ausgesprochen unweiblich. „Mein letzter Wille ist eine Frau mit Brille“, war unter Männern ein gängiges Sprichwort. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Ich denke, dass heute in vielen Punkten die Frauensituation besser geworden ist, aber Frauen haben immer noch geringere Chancen im Berufsleben als ihre männlichen Kollegen. Sehen Sie sich an der Uni doch nur einmal um, je höher Sie kommen, desto weniger Frauen finden Sie. Dies zeigt, dass Frauen noch lange nicht gleichberechtigt sind. Die Frauen sind immer noch diejenigen, die in der Regel den Haushalt führen und die Kinder versorgen, auch wenn sie berufstätig sind.

Wie war das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in der Studentenbewegung?

Das Verhältnis der Geschlechter innerhalb des SDS war nicht anders als in der Gesellschaft auch. Die Männer spielten die Hauptrolle, sie sahen sich als die Geister der Bewegung. Die Frauen hatten ihrem Verständnis nach die Rolle der Unterstützerinnen, d.h. sie durften die Flugblätter tippen, aber nicht schreiben. Die Studentinnen begannen sich dagegen aufzulehnen. Ein markantes Ereignis ist der SDS-Kongress in Frankfurt, auf dem Studentinnen die SDS-Führer mit Tomaten bewarfen. Sie wollten damit die Männer im SDS daran erinnern, dass sie bei ihrem Einsatz für eine bessere Gesellschaft etwas Grundlegendes vergessen hatten, nämlich die Rolle der Frau einzubeziehen, die sich ändern musste. So schlossen sich Frauengruppen in so genannten Weiberräten zusammen, um ihr eigenes Programm festzulegen und sich im Klaren darüber zu werden, wie ihre neue Rolle aussehen sollte. Sie kamen davon ab unter Emanzipation zu verstehen, dass man so werden musste wie die Männer. Das Frau sein wurde stärker in den Vordergrund gestellt.

Warum sind heute die meisten 68er nicht konsequent bei den Idealen geblieben, für die sie gekämpft haben? Die meisten waren z.B. gegen Kapitalismus und Konsumismus und für Kommunismus und Solidarität, aber heute gehören zahlreiche von ihnen zur Führungsschicht und scheinen ihre Ideale vergessen zu haben.

Sie dürfen nicht vergessen, dass wir Studenten vorwiegend aus der Mittelschicht kamen. Bei uns haben damals von einem Jahrgang ungefähr 6% studiert, heute sind es über 30%. Nur ganz wenigen Kindern aus der Arbeiterklasse war es vergönnt, die Universität zu besuchen. Damals konnten wir mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass wir nach unserem Studium einen relativ guten Job bekommen würden, der dem Studium auch angemessen war. Der damalige Arbeitsmarkt war so. Natürlich waren wir alle aufstiegsorientiert. Ohne es schlecht reden zu wollen, als Kinder aus der Mittelschicht hatten wir keine Existenzängste, wir glaubten es uns leisten zu können, zu rebellieren und alles aufzugeben. Ich glaube, dass nicht alle 68er ihre Ideale von damals verraten haben. Ich denke, dass die damals proklamierten Ideale von den meisten ehrlich gemeint waren. Wir waren davon überzeugt, dass die Revolution ausbricht. Dann kam die Revolution aber nicht. Und zumindest für mich war das so, ich saß wirklich da und fragte mich, was machst du denn jetzt. Es war so eng, so eng vorher, so schrecklich eng, die Röcke waren eng, alles war eng. Es war grauenhaft. Und dahin wollte ich nicht zurück. Auf keinen Fall. Aber wohin? Das war ein ganz schwieriger Weg. Für viele stellte sich die Frage, wie soll ich denn jetzt leben? Dann haben sich auf subtilere Weise verschiedene Lebensentwürfe entwickelt. Manche haben Parteien gegründet und gedacht, dass sie darüber ihren Lebensstil noch sichern können. Man musste sich das Leben neu zurechtsetzen. Insofern würde ich nicht von Verrat sprechen, sondern eher davon, dass die Bedingungen schlichtweg andere geworden sind. Wir sind keine Revolutionäre mehr und jeder hat für sich selbst entschieden. Das ist jetzt meine subjektive Sicht.

Wie war Ihre Schulzeit im Vergleich zu heute?

Es war schlimmer und besser. In der kleinen Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin, gab es ein Gymnasium für Jungs und eins für Mädchen. Wir waren getrennt, aber das war nicht unbedingt schlecht. In einem Mädchengymnasium wurden mehr naturwissenschaftliche Fächer unterrichtet als in einem gemischten. Naturwissenschaften waren für mich deshalb nichts Außergewöhnliches. Im Gegensatz zu vielen anderen Mädchen meiner Generation. Darüber hinaus haben Mädchen in koedukativen Schulen mehr Schwierigkeiten sich durchzusetzen. Im Vergleich zu den heutigen Schülern hatten wir mehr Zeit für uns selbst. Ich halte die Kürzung der gymnasialen Zeit auf acht Jahre für eine Katastrophe, eine Gemeinheit. Man hat den Lehrplan nicht reduziert, so dass die Schüler dasselbe lernen müssen, was sie zuvor in neun Jahren lernen durften. Das ist Wahnsinn. Ich glaube bei uns war alles langsamer.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie die Studenten heute anschauen? Meinen Sie, dass ihnen etwas fehlt, das Sie hatten?

Wir sind in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen, aktiv geworden. Wir sind eine Generation gewesen, die in armen Verhältnissen geboren wurde, aber für die es jedes Jahr besser wurde. Das schafft schon mal eine optimistische Einstellung zur Zukunft. Unsere Kritik war zutiefst positiv, indem wir sagten, es kann nur besser werden und dafür haben wir viel riskiert. Wir dachten, wir müssen nur dafür sorgen, dass es besser wird. Die heutige Generation dagegen wächst in einem Klima auf, in dem es ihr relativ gut geht, die Situation sich aber von Jahr zu Jahr verschlechtert. Sie hat viele Freiheiten. Man bricht nicht aus, wenn man keine Enge spürt. Ihr Problem ist, dass sie nicht so optimistisch ist. Jetzt, wo ich das sage, wird mir klarer, dass wir damals eigentlich verrückt waren. Wir waren vielleicht aus Dummheit optimistisch. Doch auch die Gesellschaft insgesamt war optimistischer und heute ist dieses Klima nicht mehr da. Die Studenten, die ich heute erlebe, haben meistens einen festen Job, deshalb fehlt ihnen diese grundlegende Identifikation mit der Rolle des Studenten wie es bei uns der Fall war. Für uns war Student zu sein wie ein Beruf, ein gesellschaftlicher Status. Man hat ein bisschen gejobbt, aber arm zu sein, war schick. Wir konnten es uns leisten, was die Studierenden heute selbstverständlich nicht mehr können. Sie müssen arbeiten, um ihr Studium zu vollenden. Wir hatten zwar kein Geld, aber wir hatten Zeit. Wenn man ganz Student ist, lebt man kontinuierlich in einem intellektuellen Rausch. Man trifft sich, um zu diskutieren. Dafür haben die heutigen Studenten, die neben dem Studium einen Beruf ausüben müssen, keine Zeit mehr.

Die 1968er Brasilien

Die 1968er Brasilien

Sergio Caetano (Brasilien)

Das Jahr 1968 hat unter der Studentenbewegung in Europa Geschichte geschrieben. Drei Monate vor dem Studentenaufstand in Paris ereignete sich in Rio de Janeiro folgendes: Bei einem Studentenprotest ist am 28. März ein Student in einer Universitätskantine von der Polizei niedergeschlagen worden. Ganz Brasilien war erschüttert. An der Beerdigung des Studenten nahmen 50.000 Menschen teil, darunter unzählige Intellektuelle und Künstler.

Die folgenden 10 Monate waren in Brasilien voller Spannungen und innerer Kämpfe. Die Studenten waren mit dem Militärregime von 1964 unzufrieden. Dies führte zum Zusammenschluss von Schriftstellern und Künstlern, die durch die Zensur unterdrückt wurden. Die Hauptstädte der brasilianischen Bundesstaaten, vor allem Rio de Janeiro, Brasilia und São Paulo, wurden in kürzester Zeit fast täglich Schauplatz eines Straßenkrieges zwischen den Studenten und der Polizei. Im Juni des gleichen Jahres marschierten mehr als 100.000 Menschen durch Rio de Janeiro. Ziele der Demonstration waren die Aufhebung der Unterdrückung durch das Militär, das Ende der Zensur und die Redemokratisierung des Landes.

Ende 1968 hatten sich die an den Studentenrevolten beteiligten Länder unterschiedlich entwickelt. In Brasilien markierte das Ende dieses Jahres den Anfang der blutigsten Periode der Diktatur. Diese war gekennzeichnet durch die Institutionalisierung der Folter, durch politische Morde, willkürliche Verhaftungen und die Verbannung der Opposition. Die Einführung der starken Zensur unterdrückte jegliche Form der Äußerung und des Denkens.

Man kann vermuten, dass die Studentenrevolte zwar den Übergang des Militärregimes von 1964 zur Militärdiktatur von 1968 beschleunigte. Aber auf der anderen Seite war sie auch die Quelle der Massenbewegung des Jahres 1984 – das Jahr der Einführung der Direktwahlen und das Ende eines 20 Jahre währenden autoritären Regimes.