Kategorie-Archiv: Uruguay

Ein Uruguayer bei Schalke 04

Gespräch mit Dario Rodriguez - ein Uruguayer bei Schalke 04

Veronica Hellinger (Uruguay)
VeronicaFußballspielen im Ausland: Ein spannender und lukrativer Beruf mit Kehrseiten     Für einen Südamerikaner in Europa Fußball spielen zu können, ist eine Krönung im buchstäblichen Sinne: zum einen ist es eine Ehre unter den Besten zu sein, zum anderen ist es ein lukrativer Job. Aber eine Krone hat auch ein Gewicht, das manchmal schwer zu tragen ist. Hinter den Spielen, den Toren und den Triumphen verbirgt sich eine schwierige Situation, die die ausländischen Fußballspieler und ihre Familien bewältigen müssen. Denn sie sind in einem fremden Land und müssen sich in einer neuen Kultur zurechtfinden. Besonders schwierig ist diese Situation für Spieler, die von weit her kommen, weil der Unterschied zwischen den Kulturen und dem Denken so riesig ist, dass man schon von unterschiedlichen Welten und nicht nur von unterschiedlichen Ländern sprechen kann. Dario Rodriguez (30) ist ein gutes Beispiel dafür. Er kommt aus Uruguay und spielt seit 2002 bei Schalke 04. Erfolgreich ist er jedoch nicht nur als Mittelfeldspieler, sondern auch im Leben. Nach drei Jahren beherrscht er die Situation in Deutschland. Doch am Anfang war es nicht so einfach, gibt er zu. Als er von seinem Manager sein zukünftiges Ziellanderfuhr, war der Schock groß. Denn Deutschland war in seinen Vorstellungen weit weg, fremd, kalt und grausam wie in den Kriegsfilmen und die Deutschen zurückhaltend und verschlossen. Eigentlich wäre er lieber in Uruguay geblieben, aber die Herausforderung in einer der besten Mannschaften zu spielen war doch groß. Nach den bürokratischen Formalitäten und den ersten Kontakten per Telefon kam der erste Besuch in Deutschland und dann die Nervösität: Während der Vorstellung und der ersten ärztlichen Untersuchungen ist man nervös und aufgeregt. Man muss diese Prüfung bestehen, um in der Mannschaft bleiben und um den Vertrag unterschreiben zu können, sagt Dario Rodriguez. Danach, wenn man alles hinter sich hat, kann man feiern, weil der erste wichtige Schritt getan ist. Als Rodriguez die Zusage bekam, waren seine Gefühle gespalten: „Ich war glücklich, aber ich war allein mit meinem Manager hier in Deutschland und war traurig, so weit weg von der Familie zu sein, erläutert Dario Rodriguez, der vor elf Jahren eine ähnliche Erfahrung in Mexico gemacht hatte, als er bei der Mannschaft Toluca spielte. Allerdings hatte er damals einen Vorteil, denn er musste nicht gegen die Sprachbarriere ankämpfen. Das ist übrigens auch der Grund, warum die meisten Fußballspieler aus Uruguay Spanien oder Italien als Zielland wählen würden. Denn die Ähnlichkeit zwischen den romanischen Sprachen (Spanisch und Italienisch) ist sehr groß. Aber nichts ist unmöglich und Rodriguez lernte sofort Deutsch, als er mit seiner Frau in das Land kam. Ich war nicht gezwungen, Deutsch zu lernen. Es war nur ein Vorschlag, den ich angenommen hatte, und es hat mir viel geholfen, erklärt er. Parallel dazu lernt man das Land, seine Leute und seine Kultur kennen. Als Fußballspieler fand Dario Rodriguez diese neue Umgebung nicht so anders als sonst, weil nach seinen Aussagen die Bedingungen in den Spielen, während der Vorbereitung und in der Intimität der Gruppe überall dieselbe seien: Man weiß genau, was man im Feld machen muss, man muss dabei sehr konzentriert sein und hinter den Kulissen ist es wie in der Schulklasse, in der es immer sowohl einen fröhlichen als auch einen schüchternen, einen lustigen und einen langweiligen Mitschüler gibt.“Privat hatte Dario Rodriguez viel zu entdecken und seine Vorurteile zu überprüfen. So lobt er die Effizienz der deutschen öffentlichen Systeme, in denen alles funktioniert, die Pünktlichkeit, den Gerechtigkeitssinn und die Ehrlichkeit der Deutschen. Mit der Zeit konnte er das Klischee über den zurückhaltenden und verschlossenen Deutschen widerlegen: Es war eine angenehme Überraschung für mich zu entdecken, dass die Deutschen sehr nett, gastfreundlich und vertrauensvoll sind. Vielleicht brauchen sie ein bisschen mehr Zeit als die Südamerikaner, um ihre Gefühle zu zeigen, aber wenn es dann so weit ist, wisse man, dass man einen Freund für das ganze Leben habe, meint er. Bemerkenswert ist, dass die Familie, besonders die Frauen der Fußballspieler, im Ausland unter Einsamkeit und Abhängigkeit von ihren Gefährten leiden, und für Rodriguez Frau war es nicht anders, bevor ihr Kind vor eineinhalb Jahren auf die Welt kam. Rodriguez weiß um das Opfer seiner Frau, die ihr Studium abbrach, um mit ihm zusammen nach Deutschland zu gehen. Er denkt schon daran, daß es Zeit wird, an ihre Projekte zurückzukehren, wenn seine Karriere als Fußballspieler beendet sein wird: Ich werde alles tun, um ihr zu helfen und um sie zu unterstützen, wenn sie mir sagt, dass sie weiter studieren möchte.“ „Wollen ist Können, sagt man, und deswegen kann Dario Rodriguez auch mit den Kehrseiten dieses spannenden und lukrativen Berufs umgehen. Aber es gibt noch zwei Punkte in diesem Anpassungsprozess, an die sich die uruguayische Familie nicht gewöhnen kann, und zwar an das deutsche Essen und das Wetter in Deutschland. Bei mir essen wir uruguayische Gerichte, die viele Gemeinsamkeiten mit der italienischen und spanischen Küche haben, erklärt Dario Rodriguez. Außerdem behält er stolz seine typische uruguayische“ Gewohnheit, Mate zu trinken, bei. Ich könnte nie ohne Mate leben. Besonders morgens fehlt mir etwas, wenn ich kein Mate trinke, sagt er. Außerdem vermisst er die Sonne. Dario Rodriguez’Vertrag bei Schalke 04 ist gültig bis Ende dieser Saison (2006) und man kann noch nicht wissen, welche Mannschaft in Zukunft auf ihn warten wird. Aber das wichtigste im Moment ist für ihn die Saison mit dem rechten Fuß anzufangen, weil die ersten Spiele sehr wichtig sind, um einen guten Platz in der Tabelle der Bundesliga zu erreichen, sagt er zielbewusst. Sein anderes Ziel für diese Spielzeit ist als Fußballspieler der uruguayischen Nationalmannschaft Uruguay in der Weltmeisterschaft noch einmal repräsentieren zu können. Bis jetzt ist Uruguay zweimal Weltmeister (1930, 1950) gewesen. Doch im Moment steht es auf dem 5.Platz in der Qualifikationstabelle von der nur die ersten vier Länder an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen dürfen. Aber trotzdem ist noch nicht alles verloren. Es gibt noch Chancen darauf und wir werden alles tun, um 2006 in Deutschland dabei zu sein. Ich spüre, dass wir es noch schaffen können, sagt er kämpferisch. Das Trikot der Nationalmannschaft anzuziehen sei eine Ehre, deswegen fühlt man, dass man alles für die Heimat im Feld lassen muss. Die Heimat spielt für Dario Rodriguez eine große Rolle, dies erkennt man daran, dass er noch regelmäßig seine alten Freunde besucht, wenn er nach Uruguay fliegt. Trotz seines Erfolgs und seines Ruhms hat er seine Wurzeln nicht vergessen.

Candombe – der Rhythmus der Uruguayer

Candombe - der Rhythmus der Uruguayer

Veronika Hellinger (Uruguay)
VeronicaWas für die Argentinier der Tango und für die Brasilianer der Samba ist, ist für die Uruguayer der Candombe. Ursprünglich kam der Rhythmus Candombes nach Uruguay durch die Sklaven aus Afrika, die am Ende des 18. Jahrhunderts in Strömen nach Lateinamerika verschifft wurden. Das Gefühl der Sklaven während ihrer Verschleppung spiegelt sich in dem Lied des uruguayischen Sängers Jorge Drexler *„Memoria del cuero“ (Gedächtnis des Leders) wider: „En la bodega de un barco negrero/ vino el candombe prisionero/ En la memoria de un prisionero/ duerme el candombe esperando el cuero/ En la bodega de un barco negrero/ vienen las manos golpeando el suelo/.../ igual que un tambor, madera y cuero“ (In einem Schiffskeller kam Candombe als Häftling/ Im Gedächtnis eines Häftlings schläft der Candombe, der auf einem ‚Leder‘ wartet/ In einem Schiffskeller schlagen die Hände auf den Boden/ genau wie eine Trommel, ‚Holz und Leder‘ “). Seit 1791 verfügte der Hafen von Montevideo über das Monopol des Sklavenhandels für das gesamte Gebiet des Rio de la Plata sowie Chile und Peru. Dadurch blieb vieles von den kulturellen Gütern der Afrikaner in Montevideo, obwohl sie die Sitten und Gebräuche ihres Volkes nicht (mehr) ausüben durften. Darüber schreibt Eduardo Galeano in der Einleitung einer CD über Candombe: Los amos no entendian el lenguaje de los toques. Pero ellos bien sabian que esos sones brujos son capaces de llamar a los dioses prohibidos o al diablo en persona, que al ritmo del tambor baila con cascabeles en los tobillos“ (Die Herren verstanden nicht die Sprache der Schläge. Sie wussten aber, dass diese hexenden Töne die verbotene Hexe oder den Teufel persönlich rufen konnten, der mit Glocken im Fußknöchel nach dem Trommelrhythmus tanzt). Allerdings hatten die Sklaven das Recht sich an ihren freien Tagen (Sonntag und Feiertage) zu versammeln und trafen sich in nationalen Gruppen (Salas de Naciones). Eine der bedeutendsten Veranstaltungen fand am 6. Januar zu Ehren des schwarzen Königs Baltasar statt. Die Sklaven zogen sich ihre schönsten Kleider an, gingen in die Kirche und feierten nach dem Trommelrhythmus. Diese Feierlichkeiten wiederholen sich jedes Jahr durch Gruppen, die im Karneval Trommeln spielen. Aber den Geist des Candombes kann man jahrein jahraus spüren, wenn Gruppen sich spontan auf der Straße treffen, um zu spielen und um ihre Gefühle fliegen zu lassen. Mit diesem Rhythmus identifizieren sich heute nicht nur die Nachfahren der afrikanischen Sklaven (ca. 6% der Bevölkerung Uruguays), sondern alle Uruguayer. (…) Candombe wird nur in Uruguay gespielt und repräsentiert das Land weltweit. Darüber und über seine Arbeit als Trommelbauer spricht der Künstler Fernando Nuñez, wahrscheinlich wegen seiner Erfahrung in diesem Bereich auch Lobo (der Wolf) genannt: „Ich gehöre zu der ältesten Familie, die hier in diesem Vorort (Barrio Sur, ein südlicher Vorort am Rio de la Plata) seit 1837 wohnt. Hier in der Nähe in „cubo del Sur“ (südlicher Würfel) war immer der Punkt, wo die Sklaven sich treffen durften.“ Nuñez betont, daß die Trommel das einzige kulturelle Erbe der Afrikaner in Uruguay sei. Andere Eigenschaften, wie Sprache oder Sitten wurden nicht beibehalten. Allerdings sei dieses Instrument, mit dem Candombe gespielt wird, keine afrikanische Tradition, sondern ein uruguayisches Schaffen: „Die Trommeln bestanden ursprünglich aus hohlen Stämmen, aber hier gab es keine solchen Stämme in der Natur; deswegen wurden Holztonnen benutzt, die auf die Schiffen kamen. Sie wurden umgebaut, um die Form der Trommel zu schaffen, weil die Holztonnen zwei Öffnungen von gleichem Durchmesser hatten und die Trommeln zum Candombe-Spielen brauchten zwei Öffnungen von unterschiedlicher Größe.“, erklärt Nuñez. Eine Trommel besteht aus Holz und Leder. Das Holz wird markiert und danach abgeschnitten, um die verschiedenen Teile („duelas“) zu haben. Sie werden dann gebogen und mit Ringen befestigt. Schließlich wird das Leder angefeuchtet und eingestellt. Es gibt drei verschiedene Trommelarten. Sie heißen „chico“, „repique“ und „piano“, und jede hat ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Klang. „Chico“ bedeutet auf Spanisch klein und bezeichnet die Größe des Instruments. Es gibt den höchsten Ton wieder, und sein Rhythmus soll, laut Nuñez, sehr monoton sein. „Repique“ ist ein bißchen größer als „chico“, aber doch kleiner als „piano“ und sein Klang würde viel mehr von der Muse des Spielers als von bestimmten Spielregeln abhängen. „Piano“ ist die größte Trommel. Sie hat deswegen den tiefsten Klang und erfüllt die Aufgabe eines Kontrabaß. Nuñez beherrscht die Kunst, aus einem Stück Holz ein Instrument mit wunderbarem Klang zu zaubern. Er setzt damit die Tradition seiner Vorfahren fort. *Erster Oscarpreisträger für ein auf spanisch gesungenes Lied

Einen Kontinent eint ein Gefühl – die Leidenschaft für Fußball

Einen Kontinent eint ein Gefühl - die Leidenschaft für Fußball

Veronica Hellinger (Uruguay)
Es gibt ein Gefühl, das sich in Lateinamerika wiederholt: Die Leidenschaft für Fußball. Niemand kann vor der Macht dieses sozialen und kulturellen Phänomens fliehen, das die Massen unabhängig von Alter, sozialer Herkunft und Beruf berauscht und zusammenführt. Fußball ist Thema in den Stadien, in der gesamten Presse, in der Werbung und in den Geschäften, in den Parks und auf allen öffentlichen Plätzen. Er lebt sowohl in der Sprache der normalen Leute wie auch in der Sprache der Akademiker und Politiker Lateinamerikas. Eduardo Galeano schreibt in seinem Buch „Fußball in der Sonne und im Schatten“, dass es Dörfer in Brasilien gebe, die keine Kirche hätten, doch es gebe kein Dorf, das kein Fußballfeld habe. In fast jedem lateinamerikanischen Dorf werde sonntags „der Gottesdienst des Balles gehalten (1996, S.156) “. Jedes Wochenende erneuerten die Fans ihre Voten in den Tempeln der Religion des Fußballs –das heißt in den Stadien. Und wie Galeano schreibt: „Die Stadt verschwindet, die Routine wird vergessen und nur der Tempel existiert (1996, S.7) “. 90 Minuten eines Spiels entscheiden dann für eine Woche über die Stimmung der Fans: die Erinnerung daran wird, je nach dem, ob die eigene Mannschaft gewonnen oder verloren hat, ein Moment des Glücks oder eine schwere Belastung sein. Unabhängig jedoch von dem Ergebnis, das immer unabsehbar sein wird und sich mit jedem Spiel ändern kann, gibt es etwas Unantastbares, Unveränderliches, nämlich der Glaube an „die einzige Religion, die keine Atheisten hat (Galeano 1996, S.7)“ – dem Fußball. Wenn man von der Nationalmannschaft spricht, lösen sich schließlich die Farben aller Mannschaften in einer einzigen Fahne und einem einzigen Herzen auf. Und in dem Moment, in dem die Nationalmannschaft spielt, werden auch die wenigen, die sich das Jahr über nicht für Fußball interessiert haben, zu Fans, auch sie haben nur den einzigen Wunsch, die Nationalmannschaft gewinnen zu sehen. Uruguay ist in seiner Fußballeuphorie keine Ausnahme. Jaime Roos, ein berühmter uruguayischer Sänger, bestätigt es in einem Lied: „Wenn Uruguay spielt, sind wir drei Millionen. Die Uhrzeiger laufen, das Herz läuft“. Im Fußballfeld befinden sich dann nicht elf Spieler, sondern elf Gladiatoren, die den Geist von drei Millionen Seelen repräsentieren und die das kleine Land verteidigen, in dem die Geschichte der Fußballweltmeisterschaft begann. Zur Erinnerung: 1930 fand in Uruguay die erste WM statt. Die Gastgeber wurden Weltmeister und sie wiederholten ihren Erfolg 1950 in Brasilien. Seitdem ist es für uns Uruguayer eine Frage der Ehre an der WM teilzunehmen. Dieses Ehrgefühl wird von Generation zu Generation übertragen. Deshalb war die Niederlage des Play- Off- Spiels (gegen Australien) und damit die Entscheidung, dass Uruguay nicht an der WM 2006 teilnehmen durfte, eine herbe Enttäuschung für das Volk. Die Tatsache, nicht dabei gewesen zu sein, schwächt die Wirtschaft und den Sport Uruguays für Jahre. Dieses Tief wird solange anhalten, bis der internationale Wettbewerb wieder beginnt und die Herzen wieder zu schlagen anfangen.