Vorlesungen zum Frühsozialismus

Kolleg Friedrich Nietzsche in Weimar – Vorlesungen zum Frühsozialismus

Von Gabi Perabo

 Im Juni hielt Axel Honneth, Philosoph und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, in Weimar, Erfurt und Jena eine Vorlesungsreihe zum Thema Frühsozialismus („Die Idee des Sozialismus – Versuch einer Aktualisierung“). Dazu eingeladen wurde er vom Kolleg Friedrich Nietzsche, für das er für das Jahr 2015 als „Distinguished Fellow“ tätig ist. Das Kolleg befasst sich unter anderem mit relevanten philosophischen Gegenwartsfragen. Honneth will mit seiner Vorlesungsreihe Ideen und Utopien des Frühsozialismus darstellen, und darüber hinaus sozialistische Konzepte neu formulieren – ein nicht gerade bescheidenes Unterfangen…

Weimar wirkt heute sehr herausgeputzt. Nach Spuren der DDR-Vergangenheit muss man mittlerweile schon suchen. Ohnehin konnte man Weimar mit Sozialismus nie so recht in Verbindung bringen.

Honneth begann seine erste Vorlesung mit der Feststellung, dass Utopien in der Gegenwart verschwunden seien. Es gebe zwar derzeit soziale Proteste gegen den Kapitalismus, aber ohne daß Visionen, Utopien, oder gesellschaftliche Gegenentwürfe angeboten würden. Aus diesem Grund geht der Philosoph der Frage nach, was mit den Utopien der Vergangenheit geschehen sei. Im Fokus steht für ihn dabei die Utopie des Sozialismus, wie sie im frühen 19. Jahrhundert formuliert wurde. Honneth meint damit die frühsozialistischen Bewegungen in Frankreich und England, die von Charles Fourier, Henri de Saint-Simon und Robert Owen angeregt wurden.

Zum Begriff des Sozialismus referiert Honneth, dieser sei im 19. Jahrhundert neu bestimmt worden. Bis dahin sei mit Sozialismus das Naturrecht mit dem Geselligkeitstrieb begründet worden. Die Frühsozialisten hätten dagegen an die Ideale der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ angeknüpft, die sie in der damaligen Gesellschaft als nicht erfüllt ansahen. Gleichzeitig sei, mit zunehmender Ausbreitung des kapitalistischen Marktes im 19. Jahrhundert, Widerstand in der Bevölkerung aufgekommen angesichts der zunehmenden Abhängigkeit von kapitalistischen Fabrik- und Landbesitzern. Den Frühsozialisten sei es um gesellschaftliche Einflussnahme auf Produktion und Markt gegangen.

Honneth betont jedoch, dass auch moralische und ethische Absichten neben den ökonomischen eine wichtige Rolle gespielt hätten. Es sei den Sozialisten um neue Formen des sozialen Zusammenlebens gegangen, um eine genossenschaftliche Organisierung, bei der im wechselseitigen Wohlwollen jeder nach seinen Fähigkeiten eingesetzt werde. Für den Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, hätten für die Frühsozialisten weniger die Gleichheit, als die Freiheit und Brüderlichkeit im Mittelpunkt gestanden. Freiheit, hätten sie als Folge der französischen Revolution nur als formal-rechtliche Freiheit verwirklicht gesehen. Mit dem Ergebnis, dass sich ausschließlich privater Egoismus durchgesetzt habe (Die Kritik an der einseitigen Verwirklichung der Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft ist auch bei Karl Marx zu finden).

In der Vorstellung der Frühsozialisten entsteht dagegen Freiheit erst in der sozialen Gemeinschaft. Diese Vorstellung einer gemeinschaftlichen Freiheit steht also, wie Honneth betont, im Gegensatz zur Idee der ‚individuellen Freiheit’, die voraussetze, dass jeder Mensch für sich selbst frei sein könne. Der Charakter dieser neuen Beziehungen habe sich auch in Begriffen wie „Assoziation“ und „Kooperation“ ausgedrückt.

Als Beispiel für das Aufeinander-angewiesen-sein in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nennt Honneth Berufe wie Bäcker und Zahnarzt, die jedes Gesellschaftsmitglied benötige.

Dieses Angewiesensein solle jedoch sozialistisch gewendet werden in eine wechselseitige Anerkennung der Bedürftigkeit der Gesellschaftsmitglieder untereinander. Freiheit und Brüderlichkeit, bzw. Solidarität sollten enger verbunden werden.

Honneth unterscheidet zwischen überlappenden und geteilten Zwecken in einer Gesellschaft. Der Markt sei ein Beispiel für überlappende Zwecke, bei dem sich die Menschen nur als individuelle Nutznießer aufeinander beziehen. Geteilte Zwecke dagegen hätten eine viel weiter reichende Grundlage. Bei geteilten Zwecken seien die Menschen nicht nur miteinander, sondern auch füreinander tätig. Sie würden die Ziele des anderen anerkennen und fördern. Dabei stelle sich die Frage, ob die Sozialisten mit ihren Ansprüchen an das gesellschaftliche Zusammenleben nicht ein spannendes neues Freiheitsmodell entwickelt hätten. (Dieses Freiheitsmodell scheint Honneth mit seinem Konzept der „sozialen Freiheit“ gleichzusetzen).

Kritisch sieht Honneth an den Ideen der Frühsozialisten (aber auch an der Ausrichtung von Karl Marx) deren einseitige Fokussierung auf die Produktion und das Ausklammern der politischen Sphäre. Dies gehe so weit, dass die Sozialisten davon ausgegangen seien, in einer zukünftigen Gesellschaft falle die politische Sphäre gänzlich weg und die Gesellschaft würde in Produktionseinheiten organisiert sein. Die Sozialdemokraten hätten diesem Nachteil begegnen wollen, indem sie den Begriff der Demokratie einbezogen hätten. Allerdings hätten sie dabei die Idee einer gemeinschaftlichen Produktion aufgegeben.

Abschließend betonte Honneth, dass die Theorien der Frühsozialisten durchaus mit der gleichzeitig stattfindenden Industrialisierung zusammenhingen. Der Sozialismus sei also auch in diesem Stadium ein „Kind der Industrialisierung“. Gerade von dieser Vergangenheit müsse er jedoch befreit werden, um wieder aktuell zu werden.