Die 1968er Brasilien

Die 1968er Brasilien

Sergio Caetano (Brasilien)

Das Jahr 1968 hat unter der Studentenbewegung in Europa Geschichte geschrieben. Drei Monate vor dem Studentenaufstand in Paris ereignete sich in Rio de Janeiro folgendes: Bei einem Studentenprotest ist am 28. März ein Student in einer Universitätskantine von der Polizei niedergeschlagen worden. Ganz Brasilien war erschüttert. An der Beerdigung des Studenten nahmen 50.000 Menschen teil, darunter unzählige Intellektuelle und Künstler.

Die folgenden 10 Monate waren in Brasilien voller Spannungen und innerer Kämpfe. Die Studenten waren mit dem Militärregime von 1964 unzufrieden. Dies führte zum Zusammenschluss von Schriftstellern und Künstlern, die durch die Zensur unterdrückt wurden. Die Hauptstädte der brasilianischen Bundesstaaten, vor allem Rio de Janeiro, Brasilia und São Paulo, wurden in kürzester Zeit fast täglich Schauplatz eines Straßenkrieges zwischen den Studenten und der Polizei. Im Juni des gleichen Jahres marschierten mehr als 100.000 Menschen durch Rio de Janeiro. Ziele der Demonstration waren die Aufhebung der Unterdrückung durch das Militär, das Ende der Zensur und die Redemokratisierung des Landes.

Ende 1968 hatten sich die an den Studentenrevolten beteiligten Länder unterschiedlich entwickelt. In Brasilien markierte das Ende dieses Jahres den Anfang der blutigsten Periode der Diktatur. Diese war gekennzeichnet durch die Institutionalisierung der Folter, durch politische Morde, willkürliche Verhaftungen und die Verbannung der Opposition. Die Einführung der starken Zensur unterdrückte jegliche Form der Äußerung und des Denkens.

Man kann vermuten, dass die Studentenrevolte zwar den Übergang des Militärregimes von 1964 zur Militärdiktatur von 1968 beschleunigte. Aber auf der anderen Seite war sie auch die Quelle der Massenbewegung des Jahres 1984 – das Jahr der Einführung der Direktwahlen und das Ende eines 20 Jahre währenden autoritären Regimes.