Die 1968er Interview mit Prof. Dr. Tilla Siegel

Die 1968er Interview mit Prof. Dr. Tilla Siegel

Maria Teresa Divittorio und Ruggiero Gorgoglione

Viele der so genannten 68er sind heute etabliert und nehmen wichtige Bereiche in der Gesellschaft ein. Einige von ihnen sind in die Politik und Wirtschaft gegangen, andere sind Künstler geworden und wieder andere haben sich dafür entschieden, eine akademische Karriere einzuschlagen. Prof. Dr. Tilla Siegel ist eine Protagonistin aus der Zeit und es hat uns sehr gefreut, sie als Zeitzeugin interviewen zu dürfen. Seit 1994 ist Dr. Tilla Siegel Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziologie industrieller Gesellschaften am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Während der 68er studierte sie am Dolmetscher-Institut der Universität Heidelberg.

Frau Professor Siegel, dieses Jahr finden Gedenkfeiern zu dem Jahr 1968 statt, haben Sie schon eine besucht?

Ich mag die Gedenkfeier über die 68er nicht und bin deshalb auch auf keiner der Veranstaltungen gewesen. Es ist oft so eine Männerveranstaltung und ich finde mich da nicht wieder. Es war eine ganz, ganz wichtige Zeit für mich. So ist es nicht. Das Politisch sein, das eigene Verändern und das gesellschaftliche Verändern waren eng miteinander verbunden. Es prägt mich heute noch.

Wie sind Sie auf die 68er-Bewegung gestoßen?

1968 ist ja nur so ein Name für eine Zeit, die früher anfing und später aufhörte. 1966/1967 ging sie im Grunde schon los und 1970 ist sie bereits zu Ende gegangen und in Parteien übergegangen. In Heidelberg gab es zuerst nur eine kleine Gruppe, die dann schnell angewachsen ist wie überall in den Universitätsstädten. Insofern kann man nicht sagen, ich bin auf die Bewegung gestoßen. Man kam dazu über zufällige Bekanntschaften und über die Diskussionen, die überall geführt wurden. Ich war vorher nicht sehr politisch, aber es interessierte mich und es waren die Widersprüche in der Gesellschaft, die mich beschäftigt haben.

Haben Sie Beispiele?

Es war die Enge. Ich habe jetzt lange nicht mehr darüber nachgedacht. Ich kann Ihnen das sehr schwer erklären. Wie soll ich das sagen?.Das Politische und Private gehörten ganz eng zusammen. Wir sind ja aufgewachsen als Kinder, denen erzählt wurde, ihr lebt in einer freien Gesellschaft, in der Demokratie und Freiheit herrscht. Wir waren Kinder der Kalten Kriegspropaganda und haben daran geglaubt, was uns erzählt wurde. Was wir dann erlebt haben, auch an der Universität, hatte jedoch überhaupt nichts mit Demokratie zu tun. Als Frauen konnten wir uns eben nicht frei bewegen, wir sollten uns auf die Heirat konzentrieren und waren auch nicht so anerkannt wie unsere männlichen Kommilitonen. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Die Studenten wurden mit „Herr Mayer“ angeredet, während wir Studentinnen mit „Fräulein“ angesprochen wurden. Das war schon sehr herablassend. Ich weiß noch, eine Freundin von mir heiratete und galt dann plötzlich als Frau. Sie wurde ganz anders behandelt. Als Frau an sich und dann noch als Unverheiratete wurde man einfach nicht ernst genommen. Wenn man einen Freund hatte, durfte man ihn nicht mit auf sein Zimmer nehmen, auch die sexuelle Enge und Verklemmtheit war belastend. So kam eben die Vorstellung, es kann auch anders sein. Wir wollten unser ganzes Leben verändern, und zwar hier und heute. Dann kam noch das Politische hinzu, wie der Besuch des Schahs. Eigentlich war ich sehr unpolitisch, doch ich sagte mir, ja eine Diktatur darf es nicht geben und der Besuch dieses Diktators empörte mich wie viele andere auch. In der Öffentlichkeit wurde über Politik sehr lebendig diskutiert, so hat man dann auch als eigentlich unpolitischer Mensch sehr schnell gelernt.

Wie wurde die Emanzipation der Frau von der Gesellschaft aufgenommen? Meinen Sie, dass sich die Rolle der Frau heute geändert hat?

Die Emanzipation der Frau wurde in der Gesellschaft abfällig betrachtet: emanzipierte, selbstbewusste Frauen beschimpfte man als Emanzen und glaubte sie äußerlich an der Brille erkennen zu können. Brillen waren ein Symbol für Intellektualität. Dies galt bis in die frühen 60er als ausgesprochen unweiblich. „Mein letzter Wille ist eine Frau mit Brille“, war unter Männern ein gängiges Sprichwort. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Ich denke, dass heute in vielen Punkten die Frauensituation besser geworden ist, aber Frauen haben immer noch geringere Chancen im Berufsleben als ihre männlichen Kollegen. Sehen Sie sich an der Uni doch nur einmal um, je höher Sie kommen, desto weniger Frauen finden Sie. Dies zeigt, dass Frauen noch lange nicht gleichberechtigt sind. Die Frauen sind immer noch diejenigen, die in der Regel den Haushalt führen und die Kinder versorgen, auch wenn sie berufstätig sind.

Wie war das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in der Studentenbewegung?

Das Verhältnis der Geschlechter innerhalb des SDS war nicht anders als in der Gesellschaft auch. Die Männer spielten die Hauptrolle, sie sahen sich als die Geister der Bewegung. Die Frauen hatten ihrem Verständnis nach die Rolle der Unterstützerinnen, d.h. sie durften die Flugblätter tippen, aber nicht schreiben. Die Studentinnen begannen sich dagegen aufzulehnen. Ein markantes Ereignis ist der SDS-Kongress in Frankfurt, auf dem Studentinnen die SDS-Führer mit Tomaten bewarfen. Sie wollten damit die Männer im SDS daran erinnern, dass sie bei ihrem Einsatz für eine bessere Gesellschaft etwas Grundlegendes vergessen hatten, nämlich die Rolle der Frau einzubeziehen, die sich ändern musste. So schlossen sich Frauengruppen in so genannten Weiberräten zusammen, um ihr eigenes Programm festzulegen und sich im Klaren darüber zu werden, wie ihre neue Rolle aussehen sollte. Sie kamen davon ab unter Emanzipation zu verstehen, dass man so werden musste wie die Männer. Das Frau sein wurde stärker in den Vordergrund gestellt.

Warum sind heute die meisten 68er nicht konsequent bei den Idealen geblieben, für die sie gekämpft haben? Die meisten waren z.B. gegen Kapitalismus und Konsumismus und für Kommunismus und Solidarität, aber heute gehören zahlreiche von ihnen zur Führungsschicht und scheinen ihre Ideale vergessen zu haben.

Sie dürfen nicht vergessen, dass wir Studenten vorwiegend aus der Mittelschicht kamen. Bei uns haben damals von einem Jahrgang ungefähr 6% studiert, heute sind es über 30%. Nur ganz wenigen Kindern aus der Arbeiterklasse war es vergönnt, die Universität zu besuchen. Damals konnten wir mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass wir nach unserem Studium einen relativ guten Job bekommen würden, der dem Studium auch angemessen war. Der damalige Arbeitsmarkt war so. Natürlich waren wir alle aufstiegsorientiert. Ohne es schlecht reden zu wollen, als Kinder aus der Mittelschicht hatten wir keine Existenzängste, wir glaubten es uns leisten zu können, zu rebellieren und alles aufzugeben. Ich glaube, dass nicht alle 68er ihre Ideale von damals verraten haben. Ich denke, dass die damals proklamierten Ideale von den meisten ehrlich gemeint waren. Wir waren davon überzeugt, dass die Revolution ausbricht. Dann kam die Revolution aber nicht. Und zumindest für mich war das so, ich saß wirklich da und fragte mich, was machst du denn jetzt. Es war so eng, so eng vorher, so schrecklich eng, die Röcke waren eng, alles war eng. Es war grauenhaft. Und dahin wollte ich nicht zurück. Auf keinen Fall. Aber wohin? Das war ein ganz schwieriger Weg. Für viele stellte sich die Frage, wie soll ich denn jetzt leben? Dann haben sich auf subtilere Weise verschiedene Lebensentwürfe entwickelt. Manche haben Parteien gegründet und gedacht, dass sie darüber ihren Lebensstil noch sichern können. Man musste sich das Leben neu zurechtsetzen. Insofern würde ich nicht von Verrat sprechen, sondern eher davon, dass die Bedingungen schlichtweg andere geworden sind. Wir sind keine Revolutionäre mehr und jeder hat für sich selbst entschieden. Das ist jetzt meine subjektive Sicht.

Wie war Ihre Schulzeit im Vergleich zu heute?

Es war schlimmer und besser. In der kleinen Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin, gab es ein Gymnasium für Jungs und eins für Mädchen. Wir waren getrennt, aber das war nicht unbedingt schlecht. In einem Mädchengymnasium wurden mehr naturwissenschaftliche Fächer unterrichtet als in einem gemischten. Naturwissenschaften waren für mich deshalb nichts Außergewöhnliches. Im Gegensatz zu vielen anderen Mädchen meiner Generation. Darüber hinaus haben Mädchen in koedukativen Schulen mehr Schwierigkeiten sich durchzusetzen. Im Vergleich zu den heutigen Schülern hatten wir mehr Zeit für uns selbst. Ich halte die Kürzung der gymnasialen Zeit auf acht Jahre für eine Katastrophe, eine Gemeinheit. Man hat den Lehrplan nicht reduziert, so dass die Schüler dasselbe lernen müssen, was sie zuvor in neun Jahren lernen durften. Das ist Wahnsinn. Ich glaube bei uns war alles langsamer.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie die Studenten heute anschauen? Meinen Sie, dass ihnen etwas fehlt, das Sie hatten?

Wir sind in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen, aktiv geworden. Wir sind eine Generation gewesen, die in armen Verhältnissen geboren wurde, aber für die es jedes Jahr besser wurde. Das schafft schon mal eine optimistische Einstellung zur Zukunft. Unsere Kritik war zutiefst positiv, indem wir sagten, es kann nur besser werden und dafür haben wir viel riskiert. Wir dachten, wir müssen nur dafür sorgen, dass es besser wird. Die heutige Generation dagegen wächst in einem Klima auf, in dem es ihr relativ gut geht, die Situation sich aber von Jahr zu Jahr verschlechtert. Sie hat viele Freiheiten. Man bricht nicht aus, wenn man keine Enge spürt. Ihr Problem ist, dass sie nicht so optimistisch ist. Jetzt, wo ich das sage, wird mir klarer, dass wir damals eigentlich verrückt waren. Wir waren vielleicht aus Dummheit optimistisch. Doch auch die Gesellschaft insgesamt war optimistischer und heute ist dieses Klima nicht mehr da. Die Studenten, die ich heute erlebe, haben meistens einen festen Job, deshalb fehlt ihnen diese grundlegende Identifikation mit der Rolle des Studenten wie es bei uns der Fall war. Für uns war Student zu sein wie ein Beruf, ein gesellschaftlicher Status. Man hat ein bisschen gejobbt, aber arm zu sein, war schick. Wir konnten es uns leisten, was die Studierenden heute selbstverständlich nicht mehr können. Sie müssen arbeiten, um ihr Studium zu vollenden. Wir hatten zwar kein Geld, aber wir hatten Zeit. Wenn man ganz Student ist, lebt man kontinuierlich in einem intellektuellen Rausch. Man trifft sich, um zu diskutieren. Dafür haben die heutigen Studenten, die neben dem Studium einen Beruf ausüben müssen, keine Zeit mehr.