Die 1968er Deutschland

Die 1968er Deutschland

Elena Agapova (Russland)
Es gibt Jahreszahlen, die stehen für bestimmte Ereignisse: 1917 oder 1945 zum Beispiel. Es gibt aber auch Jahre, in denen genug Ereignisse passierten für ein ganzes Jahrzehnt. 1968 steht für weltweite Studentenproteste, Notstandsgesetze, für die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, den Prager Frühling und das Massaker von My Lai, aber auch für Musik, Drogen, freie Liebe und Miniröcke. Das Jahr ist eng verbunden mit Namen, wie Robert F. Kennedy, Martin Luther King, Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Die 68er protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die atomare Ost-West-Teilung der Welt, die rigide Sexualmoral, die starre Lebensweise der Gesellschaft und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße - und unter der Chiffre "68" in die Geschichtsbücher ein. Paris, Berlin, Frankfurt, New York, Berkeley, Rom, Prag, Rio, Mexico City, Warschau - das waren die Orte einer Revolte, die um den gesamten Erdball ging und Herzen und Träume einer ganzen Generation eroberte. (Vgl. http://www.bpb.de/themen/UEZYL5,0,0,Dossier_68er.html, http://www.bpb.de/themen/PLJ2QN,0,0,1968_als_transnationales_ Ereignis.html) "1968" steht also für die Sozialbewegungen, die sich gegen die herrschenden Klassenstrukturen wandten. So gab es Studenten, die versuchten durch Agitation die Masse der lohnabhängigen Arbeiter dazu zu bewegen, gegen die industrielle Ausbeutung ihrer Arbeitskraft vorzugehen. Ihr Engagement richtete sich aber auch "gegen die Kluft zwischen Arm und Reich in den wohlhabenden weißen Weltmetropolen und den armen, von Schwarzen bewohnten Weltdörfern."(Zitat und Vgl. Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main. Bd. 27, Jan Gerchow (Hg.): Die 68er. Kurzer Sommer - lange Wirkung, 2008. S. 270) Der Kampf der 68er gegen das Establishment war auch ein Kampf gegen die Religion. Diese galt ihnen als "Opium des Volkes", die Kirche als moralisierende Instanz. Die meisten 68er wandten sich ab von Kirche und Religion - und fanden Halt bei Nietzsche, Hegel und Marx. (Vgl.http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/das-war- 1968-die-politik-gesellschaft-und-kultur-eines-bewegten-jahres/ 73528.73543.die-gesellschaft-der-68er.html) Obwohl die Bewegung von 1968 immer wieder ausführlich diskutiert worden ist, wird dabei der Anteil der Frauen meistens verschwiegen. Als Hauptdarsteller werden Männer wahrgenommen wie Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg und Joschka Fischer. Doch die "68erinnen" waren an allen Debatten und Aktionen beteiligt, haben sie zum Teil sogar selbst angestoßen. Sie rebellierten gegen die traditionelle Rolle der Frauen - 1968 war auch die Geburtsstunde der neuen Frauenbewegung. Eine ihrer bekanntesten deutschen Vertreterinnen ist Alice Schwarzer. Den "bewegten Frauen" gelang es, die in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Alltags herrschende Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen gesellschaftlich bewusst zu machen und in Teilen auch zu reformieren. (Vgl. http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/das-war- 1968-die-politik-gesellschaft-und-kultur-eines-bewegten-jahres/ 73528.73543.die-gesellschaft-der-68er.html) Aber nicht nur sozialpolitische sondern auch wissenschaftliche Aspekte wurden in Frage gestellt. Die Krise, in der sich die Universitäten und das gesamte deutsche Bildungssystem befanden, wurden schließlich durch die studentischen Unruhen 1966 offenkundig. Raumnot, völlige Überfüllung von Lehrveranstaltungen, der Mangel an Lehrpersonal seit Anfang der 1960er Jahre sowie die unerträglich autoritären Verhältnisse zwischen Professoren und Studenten zwangen Studenten auf die Straße zu gehen und Vorlesungen zu boykottieren. Ausgehend von den Universitäten versuchten sie, das gesamte Bildungswesen und die Pädagogik zu reformieren. Dabei wurde häufig auf die antiautoritäre Reformschule "Summerhill" von A.S. Neill Bezug genommen. Unter dem Credo "Bildung für alle" entstanden beispielsweise kommunale Kinos, Lehrlingstheater und Arbeiterschriftstellervereine. In den Schulen legten die jungen Lehrer zusammen mit den Schülern Wert auf partnerschaftliche Umgangsweisen, änderten den Unterrichtsstil, setzten auf Diskussionen und rationale Begründungen statt Kathederwahrheiten und ersetzten autoritäres Auftreten durch persönliche Verbindlichkeit und sachorientierte Kompetenz. Seit 1968 haben sich die Schulen unzweifelhaft verändert, sind zivilisierter und humaner geworden. Erziehungsstile sind entlasteter und freier geworden, die Familienbeziehungen ein Stück offener. (Vgl. Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main. Bd. 27, Jan Gerchow (Hg.): Die 68er. Kurzer Sommer - lange Wirkung, S. 27, 33, 35, 36) In diesem Sinne wurde auch der gemeinsame Lebensstil umgestaltet. Eine neue Form des Zusammenlebens wurde in den Wohngemeinschaften (WGs) erprobt. Die WG-Bewohner teilten Küche, Bad und - sofern das Budget es erlaubte - das Wohnzimmer. Die Privatsphäre wurde bewusst durch ausgehängte Zimmertüren klein gehalten. Eine ausgeprägte Diskussionskultur war typisch für die 68er Wohngemeinschaften, in denen die fixen Rollenbilder der Kleinfamilie, in welchen der Mann das Geld nach Hause bringt und die Frau den Haushalt führt, bewusst aufgebrochen werden sollten. (Vgl. ebenda, S. 60.) Als erste "TV-Generation" konnten die "68er" ihre Rebellionen gegenseitig im Fernsehen verfolgen, an den Aktionen der anderen Studierenden von Berkeley bis Tokio ein Beispiel nehmen und stimulierend auf diese zurückwirken. Der Slogan, der damals um die Welt ging, lautet entsprechend: "The Whole World is Watching". Das Fernsehen bildete das eigentliche revolutionäre Subjekt von 1968. Es gab ein festes Zeichensystem, mit dem man weltweit seine Zugehörigkeit zur Protestbewegungen bekunden konnte. Dazu gehörten vor allem die "Säulenheiligen" Che Guevara, Ho Chi Minh und Mao Tze-tung. (Vgl. ebenda, S. 156.) Auf kultureller Ebene offenbarte sich dies im weltweiten Erfolg von Künstlern wie Joan Baez, Janis Joplin, Bob Dylan, The Doors, oder Jimi Hendrix. Auch Ereignisse wie Woodstock oder das Musical "Hair" wurden zu Symbolen musikalischer Rebellion und jugendlichen Unbehagens mit der Welt. Durch ihre spezifische Haartracht, Kleidung und Körperhaltung waren Angehörige der Gegenkultur für Freund und Feind schnell zu identifizieren. Grundsätzlich verkörperte das informelle Äußere die unter Jugendlichen besonders ausgeprägte Skepsis gegenüber Normen wie Disziplin, Gehorsam und Unterordnung. Vgl. http://www.jahr1968.de /musik.html) Seit 1966 wurde die Kleidung lockerer und bunter, der allseitig verwendbare Parka ersetzte den früheren Mantel. Frauen trugen Miniröcke oder lange Hippiekleider mit Batikmustern, farbenfrohe Plateauschuhe kamen in Mode und die Jeans setzte sich bei beiden Geschlechtern als Alltagskleidung (nicht nur im Freizeitbereich, sondern auch im beruflichen Alltag) durch. In der Inneneinrichtung setzte sich immer stärker ein Baukastenstil durch. Gekauft wurden nicht mehr einheitliche Möbel für die Wohnung, sondern eine wilde Kombination von unterschiedlichen Stilen und Richtungen. (Vgl. Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main. Bd. 27, Jan Gerchow (Hg.): Die 68er. Kurzer Sommer - lange Wirkung, S. 212.) 1968 war und ist für die einen ein einzigartiges, magisches Jahr, in dem die Studenten endlich gegen den "Muff von tausend Jahren" und die "Spießerhöllen" endlich und mit Recht die Werte und Vorstellungen der älteren Generation in Frage stellten. Für die anderen war es eine Irrung der Jugend. Dennoch steht fest, dass die Bewegung der 68er das öffentliche wie private Leben weltweit reformiert hat. Bis heute hat sie deutliche Spuren hinterlassen und ist aus unserem Bewusstsein nicht mehr wegzudenken