Die 1968er Italien

Die 1968er Italien

Ruggiero Gorgoglione (Italien)

„Die letzte Schlacht gewinnen wir“ war 1969 der Slogan des SDS (Sozialistischer- Demokratischer- Studierendenverband) in Deutschland. Ein denkwürdiges Jahr, wobei die ganze Welt in Aufruhr war. Vierzig Jahre nach den Geschehnissen von 1968 gibt es noch immer viele Auseinandersetzungen über dieses Jahr und über seine Folgen. Für manche sind die 68er die Ursache der Probleme unserer Gesellschaft. Die ehemalige Tagesschausprecherin und Sachbuchautorin Eva Hermann zum Beispiel glaubt, dass die 68er eine Diktatur gewesen sei, die die Werte der Familie zerstört habe. Andere Autoren denken an Terrorismus und kiffende Jugendliche, wenn sie 1968 hören. Damit man die Wahrheit über diese Anklage überprüfen kann, ist eine historische Analyse nötig. Denn meiner Meinung nach haben die Anklagen gegen die 68er nur zum Ziel, zu verschleiern, dass man Arbeitern, Studenten, Frauen und Angehörigen anderer Kulturen weniger Rechte zubilligen will.

Die Bewegung war von internationalem Charakter. 1968 war „nur“ der Höhepunkt des Aufruhrs gegen die ideologischen Systeme im Westen und Osten. Tatsächlich begannen die Proteste schon Ende der 50er Jahre und setzten sich während der nächsten Jahre mit zunehmend wachsender Anhängerschaft fort. Gegenstand der Proteste im Westen waren der Vietnamkrieg und das Wettrüsten im Kalten Krieg, die Macht der Wirtschaft mit ihren Folgen auf die Gesellschaft, der ideologische Einfluss der Massenmedien, die Konsumgesellschaft und die mit ihr verbundene Umweltverschmutzung sowie die Benachteiligung der Frauen in der Gesellschaft. Die Propheten dieser Rebellion waren sowohl die Wissenschaftler der kritischen Theorie wie Herbert Marcuse als auch Rockstars wie beispielsweise Bob Dylan. Die Jugendlichen interessierten sich für verschiedene Kulturen, stellten sich eine friedvolle Welt vor, erfanden neue Weisen des Zusammenlebens. Obwohl die 68er-Bewegung einen internationalen Charakter hatte, entwickelte sich jede nationale Bewegung unterschiedlich, abhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen Situation des eigenen Landes. Ich möchte mich auf die 68er in meinem Land – Italien – konzentrieren.

Das italienische Wirtschaftswunder der 50er Jahre verlief auf eine besondere, spalterische Weise. Während Norditalien zu einem Industrieland aufstieg, blieb der Süden des Landes weiterhin unterentwikkelt und von Landwirtschaft geprägt. Folge war eine Abwanderung der Arbeiter mit ihren Familien in die im Norden liegenden Firmen. Dort lebten sie unter schlechten Bedingungen. Sie wohnten mit vier oder fünf weiteren Familien zusammen in einer Wohnung, da die Löhne niedrig waren. Auch der Bereich der Bildung war reformbedürftig. Die Lehrinhalte an der Universität waren noch immer von faschistischer Ideologie geprägt und auch die Allgemeinbildung in der Bevölkerung ließ zu wünschen übrig. Viele Italiener hatten die italienische Hochsprache nur über das Fernsehen gelernt. Die Parteien und die Gewerkschaften waren unfähig, diese Probleme zu verstehen, geschweige denn dagegen vorzugehen. Deshalb begannen junge Forscher wie Mario Tronti, Raniero Panzieri und Tony Negri in den ersten 60er Jahren eine neue marxistische gesellschaftliche Theorie zu entwickeln. Nach dieser „Operaimus“ genannten Theorie sollten Arbeiter, Studenten und Wissenschaftler eine neue sozialistische demokratische Gesellschaft ohne Parteien und andere hierarchische Strukturen gründen. Diese Theorie inspirierten die Proteste an den Universitäten und in den Firmen, die während des Herbstes von 1968 ihren Höhepunkt fanden. Sie kulminierten in Streiks und der Besetzung von Universitäten. In dieser Zeit wurden Vereine wie Lotta Continua, Potere Operaio, il Manifesto gegründet. Durch die Rebellion wurde zwar nicht die Abschaffung des Kapitalismus erreicht, aber eine Verbesserung der Lebensbedingungen. Außerdem hatten die Studenten mehr Rechte erhalten. Trotzdem wurden die Proteste gegen die Regierung fortgesetzt, da es noch viel Unrecht in der italienischen Gesellschaft gab (und heute leider noch gibt).

Die Geschichte der italienischen 68er zeigt, dass das Problem nicht die Bewegung an sich war. Vielmehr lag das Problem in der ungerechten kapitalistischen Gesellschaft und ihren Widersprüchen. Sie war der Auslöser der Unruhen. Im Grunde waren die 68er, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard gezeigt hat, ein Aufruhr gegen die Welt der Produktion, wodurch die Arbeitskraft des Menschen zur Ware degradiert wurde.