Identität und Multikulturalismus in Frankfurt

Identität und Multikulturalismus in Frankfurt

Jennifer Cheng (Australien)
JenniferBevor ich nach Frankfurt kam hörte ich von vielen Leuten „Frankfurt ist eine sehr multikulturelle Stadt!“ Aber als ich tatsächlich ankam, sah die Realität etwas anders aus. Was versteht man unter dem Begriff „Multikulturalismus“? Für mich handelt es sich dabei nicht nur um die ethnische Zusammensetzung einer Stadt und erst recht nicht um die Anzahl von „China“-Restaurants oder Döner-Imbiss-Ständen. Für mich hat es zu tun mit dem Lebensstil, der Denkweise und der Einstellung der Menschen. Als ich Anfang der 80er Jahre in Sydney aufwuchs, tat ich das als Tochter taiwanesischer Einwanderer, die in einer Nachbarschaft aufwuchs, in der die Kultur der Mittelschicht des „weißen“ Australiens dominierte. Die Kinder, die in meiner Gegend wohnten, konnten nur Englisch, kannten nur westliches Essen und unternahmen ganz andere Freizeitaktivitäten als ich. Ich hatte deswegen kein richtiges Zugehörigkeitsgefühl und viele Schwierigkeiten damit, mich als Australierin zu bezeichnen. Als ich dann aber zur Universität ging, lernte ich viele Leute kennen, die im Gegensatz zu mir aus ethnisch gemischten Gegenden Sydneys kamen oder selbst Kinder von Einwanderern waren. Im Unterschied zu meinen alten Mitschülern haben sie mich trotz meiner anderen Herkunft sehr gut verstanden. Und als ich von meinem ersten Aufenthalt in Deutschland nach Australien zurückkam, wurde mir bewusst, dass ich auch von meinen Landsleuten als „richtige“ Australierin betrachtet werde. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo Migranten für immer „Ausländer“ bleiben, ist die australische Gesellschaft so gestrickt, dass alle, die in Australien wohnen, auch als Australier betrachtet werden; unabhängig davon, welchen Pass sie besitzen. Erst da ist mir aufgefallen, wie multikulturell Australien ist und dass ich mich von ganzem Herzen als Australierin fühle. Als ich in die „multikulturelle“ Stadt Frankfurt kam, habe ich gehofft, dass es eher wie in Australien ist, aber es war für mich wie eine Zeitreise zurück in die 80er Jahre, nur mit dem Unterschied, dass ich hier eine doppelte Ausländerin bin. Zum einen, weil ich in Deutschland tatsächlich Ausländerin bin, und zum anderen, weil mir die Deutschen immer ein anderes Heimatland zuschreiben wollen als Australien. Am Anfang war ich verwirrt, als mich ein Verkäufer im Elektromarkt fragte, wie denn der Markenname eines Produkts in China heiße, oder mich Bekannte fragten, ob ich in der Schule die chinesische Lautschrift gelernt habe. Bis dann der Groschen gefallen ist. Alle denken, ich bin Chinesin! Zumindest wollen sie, dass ich Chinesin bin, damit sie sich in ihrer Weltsicht wieder sicher fühlen. Wenn ich sage, dass ich aus Australien komme, fragen die meisten, „aber wo kommen Sie denn eigentlich her?“, als ob man ein echtes Herkunftsland und ein falsches hätte. Fast jeder Tag in Frankfurt ist eine Herausforderung für mich, weil meine kulturelle Identität ständig in Frage gestellt wird. Ich kann nicht glauben, dass Frankfurt tatsächlich eine multikulturelle Stadt ist und versuche eine Erklärung dafür zu geben, woran das liegen könnte. Ich bin zu folgendem Schluss gekommen: 1. Die Deutschen versuchen immer, das Heimatland von anderen zu bestimmen. Dies geschieht nicht nur nach subjektiven Kriterien, indem sie das Aussehen einer Person in den Vordergrund stellen, - „aber Sie sehen doch chinesisch aus!“ - sondern auch nach objektiven, indem sie nach dem Geburtsort und der Staatsangehörigkeit fragen; was ich mir mit einer gewissen bürokratischen Besessenheit der Deutschen erkläre. Denn Staatsangehörigkeit bedeutet automatisch Heimatland und wehe dem, der versucht, das zu bestreiten! 2. Alles, was nicht europäisch ist, wird exotisiert, besonders Sachen aus Asien. So sieht man oft Schilder mit der Aufschrift „asiatische Spezialitäten“ oder „Asia Woche“. Ist das japanisch, chinesisch, vietnamesisch, indisch, türkisch, oder sonst noch etwas? Egal, man geht in ein „China-Restaurant“ oder man isst beim „Chinesen“, weil es dort doch so anders ist. 3. Was nicht Deutsch ist, wird eingedeutscht! Essen aus anderen Ländern wird immer dem deutschen Geschmack und den deutschen Gewohnheiten angepasst. Zudem gibt es Aufrufe für Entwicklungsländer wie „Brot für die Welt“ und „Brot statt Böller“. Dass Menschen in Entwicklungsländern vielleicht kein Brot als Grundnahrungsmittel essen, ist egal. Hauptsache ist doch, das deutsche Publikum fühlt sich betroffen, da ein Leben ohne Brot unvorstellbar ist. 4. Das Niveau kultureller Sensibilität ist bei den Deutschen relativ niedrig. Ich frage mich, was daran lustig ist, wenn Radiomoderatoren so tun, als ob sie von der Ausländerbehörde wären, um zur Unterhaltung Leute anzurufen und zu belästigen. Auch die Augen an der Seite hochzuziehen um „Schlitzaugen“ zu machen, soll angeblich nicht beleidigend sein, weil asiatische Augen ja „tatsächlich so aussehen“. Wenn ich mich über das Verhalten der Deutschen beschwere, sagen die meisten, „aber das ist doch nicht böse gemeint!“ Wenn sich aber Menschen keine Mühe geben, andere Menschen und deren Denkweisen zu verstehen, sondern nur stur an ihre eigene Sichtweise glauben, dann halte ich das sehr wohl für böse gemeint. Denn erst dann, wenn alle schon einmal versucht haben, die Welt durch andere Augen zu sehen, können wir anfangen, über eine multikulturelle Gesellschaft zu reden.