Ein Sprung in die Welt der Tarantella

Ein Sprung in die Welt der Tarantella

Maria Teresa Divittorio (Italien)
  Tarantella Tanz     Foto: Ruggiero GorgoglioneMacht eine kleine Pause und kommt mit. Lasst euch von mir nach Süditalien, meine Heimat, entführen. Warum? Weil Ihr Tanzstunde habt. Heute bringe ich euch einen ganz besonderen Tanz bei: die Tarantella. Seid ihr bereit? Schwingt die Arme vor dem Körper auf und ab, springt in die Luft und werft die Füße wechselweise nach vorne. Dazu hört ihr die "Pizzica", eine höllisch-rhythmische Musik, die mit den Instrumenten Tamburin, Mandoline, Geige, Akkordeon und Mundharmonika gespielt wird. Ja, die Tarantella ist ein Tanz, der den ganzen Körper stark in Bewegung bringt und einen leicht aus der Puste kommen lässt. Ihr könnt ihn für euch oder mit anderen zusammen tanzen. Sind alle Bewegungen klar? Dann will ich euch, bevor wir weiter tanzen, erzählen, was es mit der Tarantella auf sich hat. Bitte setzt euch und hört zu! Die Tarantella ist ein in Süditalien verbreiteter Tanz, der im Mittelalter entstand. Der Name Tarantella stammt von "Tarentula" (deutsch: "Tarantel"), einer im Mittelmeerraum verbreiteten giftigen Spinne. Nach der Volksüberlieferung konnte der giftige Biss einer Tarantel nur durch diesen wilden Tanz geheilt werden. Besonders bei der Tätigkeit der Weizenernte lief man Gefahr von einer Tarantel gebissen zu werden. Da dies vornehmlich eine weibliche Tätigkeit war, waren davon besonders Frauen betroffen. Der deutsche Baron Johann Hermann von Riedesel (1740-1785), der während seiner Reise durch Süditalien 1767 zum ersten Mal mit der Tarantella konfrontiert wurde, hatte für die Bedeutung des Tanzes jedoch eine andere Theorie. Er glaubte, der Tanz sei ein Verführungstanz, mit dem die italienischen Frauen Männer bezirzen wollten. Denn seiner Meinung nach waren die Tänzerinnen zu alt und zu hässlich, um auf andere Weise noch zu einem Mann zu kommen. Wir wollen nicht wissen, wie Herr von Riedesel ausgesehen hat, sondern uns einem anderen Aspekt dieses Tanzes zuwenden, nämlich dem Religiösen. Besonders für Süditalien ist es typisch, markanten Ereignissen eine religiöse Bedeutung zuzuschreiben, so auch der angeblich durch den Biss der Tarantel ausgelösten "Nervenkrankheit", dem Tarantismus. Zum Schutz der von der Tarantel Gebissenen wurde deshalb der Heilige Sankt Paulus ernannt. Die Wahl des Sanctus fiel nicht rein zufällig, denn nach der Überlieferung hatte er den Biss einer Giftschlange überlebt und war geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Man führte die von der Tarantel Gebissenen in die Sankt Paulus Kirche in Galatina (eine Provinz von Lecce in Süditalien), um sie dort das heilige Wasser der St. Paulus Kapelle trinken zu lassen. Doch kam man schnell wieder von diesem Ritual ab, als öffentlich wurde, dass die während des Tanzes in Trance gefallenen Frauen den Ort durch ihr unsittliches Benehmen entweiht hätten. Man sprach davon, dass sie unter den Augen des Sanctus Geschlechtsverkehr nachgeahmt und auf den Altar uriniert hätten. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie groß die Empörung in der Bevölkerung war. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Heilige von seiner Beschützerrolle entbunden und es wurden keine vom Tarantimus befallenen Frauen mehr in der Sankt Paulus Kirche gesehen. Doch wer glaubt, dass dies das Ende der Tarantella bedeutet hätte, irrt. Denn auch weiterhin wurden Frauen von Taranteln gebissen. Zur Austreibung der bösen Geister tanzten sie von nun an die Tarantella ausschließlich auf öffentlichen Plätzen. Der Tarantismus hatte somit nicht mehr den Charakter des Religiösen, sondern Esoterischen. Der Ort, an dem die von der Tarantel Gebissenen tanzten, wurde normalerweise mit bunten Tüchern und anderen Gegenständen, wie z.B. Seilen, Leitern und Schwertern ausgestattet. Im Allgemeinen ließen die Erkrankten Musiker kommen, um die Pizzica zu spielen. Die höllische Musik begann und sie fingen an ekstatisch den Tanz der Tarantel zu tanzen. Während des Tanzes zeigten sich bei den Betroffenen Anzeichen von Besessenheit, deren Folgen epileptische Krisen oder depressive und melancholische Zustände waren. Während dieser Phase konnten sie Stellungen annehmen, die an die Haltung einer Tarantel erinnerten. So glaubte man, dass sich die Erkrankten mit der Tarantel, von der sie gebissen worden waren, identifizierten. Das Ritual endete damit, dass die Gebissenen sinnbildlich auf die Tarantel traten. Diese Tat betonte die Heilung von der Krankheit. Spine Zeichnung: Elena Agapova Vielleicht fragt ihr euch, was heute von der Tarantella übergeblieben ist. Heute ist dieses Phänomen fast verschwunden. Regelmäßig wird jedoch noch am 29. Juni in der Sankt Paulus Kirche in Galatina eine Messe für die von der Tarantel Gebissenen gehalten. Das Ritual dauert allerdings nur wenige Minuten. Dies zeigt den Verlust der Tradition. In den letzten Jahren ist die Tarantella ein folkloristisches Phänomen geworden. Den Volkstanz Tarantella tanzt man heute vor allem anlässlich von Volksfesten oder Veranstaltungen. In Süditalien hat man viele musikalische Gruppen und kulturelle Vereine gegründet, die den Zweck haben, diesen folkloristischen Tanz auf der ganzen Welt zu verbreiten. Die wichtigste kulturelle Großveranstaltung ist "La notte della Taranta", d.h. "die Nacht der Taranta". Das ist ein Musikfestival, das seit neun Jahren (ab 1998) in Melpignano, im Herzen der süditalischen Region Salento stattfindet. "Die Nacht der Taranta" wird in den heißen Augustnächten gefeiert und normalerweise dauert sie zwei Wochen. Es handelt sich um das größte Musikfestival, auf dem sich die Pizzica Salentina mit anderen Musikrichtungen wie der World Musik, dem Rock, dem Jazz und der symphonischen Musik verbindet. Im ganzen Zeitraum dieser Veranstaltung erfolgt eine echte "Wallfahrt" von Leuten nach Apulien. Sie zeigt, wie beliebt und berühmt das Festival ist. Natürlich seid ihr auch alle eingeladen mitzufeiern. Alles notiert? Alles verstanden? Jetzt können wir weiter tanzen. Hände und Arme vor dem Körper auf und ab…