Erinnerung an Krakau

Erinnerung an Krakau

Jagoda Czerwonka (Polen)

Jagoda

Fotos von Krakau: Aldona Loster (Polen), Joanna Masseli (Polen), Jagoda Czerwonka (Polen)

Krakau
Krakau strahlt Romantik aus und ist die Stadt der Künstler. Es ist zwar schon längst nicht mehr die Hauptstadt, aber für viele Polen bleibt Krakau für immer die wichtigste Stadt. Ich liebe diese Stadt. Ich mag es, die Bilderverkäufer anzusprechen und mich mit ihnen über ihre Bilder zu unterhalten. Oder in eine Kneipe zu gehen. Aber es muss eine Kneipe im Keller sein, denn dort lernt man die interessantesten Leute kennen. Es sind diejenigen, die keine Sonne mögen und die Taschen immer voll mit Zeichnungen haben. Sie sprechen einen oft an. Meist suchen sie den Sinn des Lebens. Wenn man mit ihnen so im gemauerten Keller sitzt, beim Licht der Kerzen und bei melancholischer Musik, kann man schnell die Welt draußen vergessen.

Krakau
Die Uhren bleiben stehen. Die Stadt ist magisch, es gibt Straßen, in denen es immer regnet, und Straßen, in denen immer die Sonne scheint – zumindest hat man diesen Eindruck. Und alles ist alt. Man spürt geradezu die Geister der Menschen, die da vor Jahrhunderten gelebt haben, und kann hören, wie sie einem ins Ohr flüstern. Im Park trifft man alte Menschen, die Vögel füttern. Sie haben so etwas Majestätisches in den Augen, das einen hindert wegzusehen, wenn man hineinschaut.

Krakau
Krakau

 

Die Straßen sind immer voll, stets gibt es kilometerlangen Stau und die Busfahrer fahren extra weg, wenn sie verspätete Passagiere zum Bus rennen sehen. Im Bus versuchen sich die Leute dann die Zeit zu vertreiben, indem sie etwas in ihren Taschen suchen oder die Anzeigen an den Scheiben lesen. Man weiß ja nie, welche Chancen einem das Leben bietet. Hinten im Bus sitzen immer die jungen Künstler. Sie haben oft interessanten Kram auf dem Schoß: Gedichte, Theaterstücke oder Zeichnungen. Die anderen schauen kurz hin, aber dann gucken sie schnell weg und blättern in einem Buch, das genau erklärt, wie man leben soll. Es gibt ein sehr schönes jüdisches Stadtviertel, das Kazimierz heißt. Da kann man viel von der jüdischen Kultur kennen lernen: das Essen, die Häuser, die Musik und die Gebräuche. Wenn man nachts spazieren geht, kann es passieren, dass ein roter BMW mit lauter Musik an einem vorbeifährt und an der nächsten Ecke hält. Ein paar Jungs steigen aus, um sich Zigaretten zu kaufen, die anderen bleiben im Wagen sitzen und pulsieren in der Dunkelheit bei einem Techno Beat. Sie bleiben lieber drinnen, weil sie wissen, dass sie hier wie Außerirdische sind. In der Nacht wird es spannend, die Zigaretten blinken wie rote Augen von wilden Tieren. Ich weiß noch, als ich 15 war, galt es als Mutprobe über einen alten Friedhof zu gehen. Es war aber gar nicht unheimlich, ganz im Gegenteil, es gab da viele schöne Rosenkränze, Skulpturen und auf jedem Grab schienen Kerzen. Angst hatte ich nur um all die Leute, die da beteten, weil es so aussah, als ob sie mit den Geistern sprachen.

 

Den Tag habe ich am liebsten an der Wisla verbracht. Da kann man viele Jugendliche treffen, die die Schule schwänzen, ihre erste Zigarette rauchen, zeichnen, Gedichte schreiben oder über Dinge reden, von denen sie eigentlich noch nichts wissen sollten. Einmal im Jahr, und zwar immer zum Sommeranfang, gibt es eine besondere Nacht an der Wisla. Es gibt wunderbare Musik zum Tanzen und ein Feuerwerk. An diesem Tag ist es Brauch, dass jede Frau, die noch keinen Mann hat, einen Blumenkranz trägt. Diesen wirft sie dann um Mitternacht in den Strom des Flusses, der ihr daraufhin ihre zukünftige Liebe im Wasser spiegelt.

Der Krakauer Drachen spuckt Feuer aus, und wie jedes Jahr um diese Zeit fängt es an, heftig zu regnen. Aber es macht nichts, die Nacht ist ja magisch und der Regen bringt Freude und Lachen.

Krakau
Krakau
Krakau