Soziologie in Krakau

Soziologie in Krakau

Agnieszka Satola (Polen)

Am 30. April 2005 wurde in Berlin das Deutsch – Polnische Jahr ausgerufen. Aus diesem Anlass möchte ich die meiner Meinung nach schönste Stadt Polens, nämlich Krakau, vorstellen. Ich hatte das Glück hier geboren zu sein und leben zu dürfen. Aber worüber soll ich eigentlich schreiben? Alle Informationen kann man doch im Internet finden. Ich möchte aber gern das vorstellen, was man nicht im Internet finden kann. Stellt euch ein Haus mit weißer Fassade vor, das aus dem 17. Jahrhundert stammt. Es macht schon von außen den Eindruck, dass hinter ihm eine lange und enigmatische Geschichte steckt. Wenn man rein kommt, spürt man die Wissensdünste, die in der Luft schweben und in den ersten Stock führen, wo es das Institut der Soziologie und das Institut der Philosophie gibt. Ja, in diesem monumentalen Gebäude an der Grodzka Str. 52 -Jesuiten Collegium – finden die Seminare für die Studenten der Soziologie statt. In diesem Gebäude haben die Jesuiten eine Schule im ersten Vierteljahrhundert errichtet, die als Konkurrenz für die Krakauer Akademie gedacht war. Ihre Aktivitäten dauerten bis 1773. Heute gehören die Räume der Jagiellonien Universität. Mit der Soziologie in Krakau werden Persönlichkeiten verbunden, wie beispielsweise Bronislaw Malinowski, der hier studierte und promovierte, und Kazimierz Dobrowolski, der Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Ethnographie und Soziologie ab 1957 war. Aber auch viele andere „Modellierer des Weges“, gestorbene und lebendige, laufen als Geist oder in leibhaftiger Gestalt über den Flur. Auf diesem Flur warten gestresste Studenten auf ihre Prüfungen und trinken Kaffee aus dem Kaffeeautomaten, der neben einen alten Kachelofen steht. Man kann auch z.B. einen während der Pausen mit Studenten sprechenden und Zigarette rauchenden Dr. Janusz Praglowski treffen, den größten und dabei dennoch bescheidensten Dozenten, der den Studenten so schön von Jean Jacques Rousseau erzählen kann, dass man ihm stundenlang ohne Pause zuhören mag. Am Ende des Flurs gibt es die Bibliothek für die Soziologen mit dem Zettelkatalog (doch vor Kurzem habe ich sogar einen Computer gesehen), in der man in dem kleinen Lesesaal, dem so genannten Kaminsaal (weil da ein alter Kamin steht), in Ruhe und in intellektueller Atmosphäre soziologische Werke lesen kann.

Wie das Gebäude, so ist auch Krakau die Wiege der polnischen Kultur. Hier sammelt und konzentriert sich wie in einer Linse der ganze literarische, wissenschaftliche und moralische Ertrag der polnischen Gesellschaft. Auf dem Hauptmarkt stehen Cafés, in denen jahrzehntelang die Boheme zu Gast war. Zwischen einerseits düsteren Winkeln und andererseits frisch renovierten Sehenswürdigkeiten mischen sich das Alte und das Moderne. Allein dieser Kontrast ist schon eine Reise nach Krakau wert.

Alle Informationen über die Krakauer Geschichte stammen von Jerzy Wyrozumialski: Dzieje Krakowa, 1992.