Einen Kontinent eint ein Gefühl – die Leidenschaft für Fußball

Einen Kontinent eint ein Gefühl – die Leidenschaft für Fußball

Veronica Hellinger (Uruguay)

Es gibt ein Gefühl, das sich in Lateinamerika wiederholt: Die Leidenschaft für Fußball.

Niemand kann vor der Macht dieses sozialen und kulturellen Phänomens fliehen, das die Massen unabhängig von Alter, sozialer Herkunft und Beruf berauscht und zusammenführt.

Fußball ist Thema in den Stadien, in der gesamten Presse, in der Werbung und in den Geschäften, in den Parks und auf allen öffentlichen Plätzen. Er lebt sowohl in der Sprache der normalen Leute wie auch in der Sprache der Akademiker und Politiker Lateinamerikas.

Eduardo Galeano schreibt in seinem Buch „Fußball in der Sonne und im Schatten“, dass es Dörfer in Brasilien gebe, die keine Kirche hätten, doch es gebe kein Dorf, das kein Fußballfeld habe. In fast jedem lateinamerikanischen Dorf werde sonntags „der Gottesdienst des Balles gehalten (1996, S.156) “. Jedes Wochenende erneuerten die Fans ihre Voten in den Tempeln der Religion des Fußballs –das heißt in den Stadien. Und wie Galeano schreibt: „Die Stadt verschwindet, die Routine wird vergessen und nur der Tempel existiert (1996, S.7) “.

90 Minuten eines Spiels entscheiden dann für eine Woche über die Stimmung der Fans: die Erinnerung daran wird, je nach dem, ob die eigene Mannschaft gewonnen oder verloren hat, ein Moment des Glücks oder eine schwere Belastung sein. Unabhängig jedoch von dem Ergebnis, das immer unabsehbar sein wird und sich mit jedem Spiel ändern kann, gibt es etwas Unantastbares, Unveränderliches, nämlich der Glaube an „die einzige Religion, die keine Atheisten hat (Galeano 1996, S.7)“ – dem Fußball. Wenn man von der Nationalmannschaft spricht, lösen sich schließlich die Farben aller Mannschaften in einer einzigen Fahne und einem einzigen Herzen auf. Und in dem Moment, in dem die Nationalmannschaft spielt, werden auch die wenigen, die sich das Jahr über nicht für Fußball interessiert haben, zu Fans, auch sie haben nur den einzigen Wunsch, die Nationalmannschaft gewinnen zu sehen.

Uruguay ist in seiner Fußballeuphorie keine Ausnahme. Jaime Roos, ein berühmter uruguayischer Sänger, bestätigt es in einem Lied: „Wenn Uruguay spielt, sind wir drei Millionen. Die Uhrzeiger laufen, das Herz läuft“.

Im Fußballfeld befinden sich dann nicht elf Spieler, sondern elf Gladiatoren, die den Geist von drei Millionen Seelen repräsentieren und die das kleine Land verteidigen, in dem die Geschichte der Fußballweltmeisterschaft begann.

Zur Erinnerung: 1930 fand in Uruguay die erste WM statt. Die Gastgeber wurden Weltmeister und sie wiederholten ihren Erfolg 1950 in Brasilien. Seitdem ist es für uns Uruguayer eine Frage der Ehre an der WM teilzunehmen. Dieses Ehrgefühl wird von Generation zu Generation übertragen. Deshalb war die Niederlage des Play- Off- Spiels (gegen Australien) und damit die Entscheidung, dass Uruguay nicht an der WM 2006 teilnehmen durfte, eine herbe Enttäuschung für das Volk. Die Tatsache, nicht dabei gewesen zu sein, schwächt die Wirtschaft und den Sport Uruguays für Jahre. Dieses Tief wird solange anhalten, bis der internationale Wettbewerb wieder beginnt und die Herzen wieder zu schlagen anfangen.