Candombe – der Rhythmus der Uruguayer

Candombe - der Rhythmus der Uruguayer

Veronika Hellinger (Uruguay)
VeronicaWas für die Argentinier der Tango und für die Brasilianer der Samba ist, ist für die Uruguayer der Candombe. Ursprünglich kam der Rhythmus Candombes nach Uruguay durch die Sklaven aus Afrika, die am Ende des 18. Jahrhunderts in Strömen nach Lateinamerika verschifft wurden. Das Gefühl der Sklaven während ihrer Verschleppung spiegelt sich in dem Lied des uruguayischen Sängers Jorge Drexler *„Memoria del cuero“ (Gedächtnis des Leders) wider: „En la bodega de un barco negrero/ vino el candombe prisionero/ En la memoria de un prisionero/ duerme el candombe esperando el cuero/ En la bodega de un barco negrero/ vienen las manos golpeando el suelo/.../ igual que un tambor, madera y cuero“ (In einem Schiffskeller kam Candombe als Häftling/ Im Gedächtnis eines Häftlings schläft der Candombe, der auf einem ‚Leder‘ wartet/ In einem Schiffskeller schlagen die Hände auf den Boden/ genau wie eine Trommel, ‚Holz und Leder‘ “). Seit 1791 verfügte der Hafen von Montevideo über das Monopol des Sklavenhandels für das gesamte Gebiet des Rio de la Plata sowie Chile und Peru. Dadurch blieb vieles von den kulturellen Gütern der Afrikaner in Montevideo, obwohl sie die Sitten und Gebräuche ihres Volkes nicht (mehr) ausüben durften. Darüber schreibt Eduardo Galeano in der Einleitung einer CD über Candombe: Los amos no entendian el lenguaje de los toques. Pero ellos bien sabian que esos sones brujos son capaces de llamar a los dioses prohibidos o al diablo en persona, que al ritmo del tambor baila con cascabeles en los tobillos“ (Die Herren verstanden nicht die Sprache der Schläge. Sie wussten aber, dass diese hexenden Töne die verbotene Hexe oder den Teufel persönlich rufen konnten, der mit Glocken im Fußknöchel nach dem Trommelrhythmus tanzt). Allerdings hatten die Sklaven das Recht sich an ihren freien Tagen (Sonntag und Feiertage) zu versammeln und trafen sich in nationalen Gruppen (Salas de Naciones). Eine der bedeutendsten Veranstaltungen fand am 6. Januar zu Ehren des schwarzen Königs Baltasar statt. Die Sklaven zogen sich ihre schönsten Kleider an, gingen in die Kirche und feierten nach dem Trommelrhythmus. Diese Feierlichkeiten wiederholen sich jedes Jahr durch Gruppen, die im Karneval Trommeln spielen. Aber den Geist des Candombes kann man jahrein jahraus spüren, wenn Gruppen sich spontan auf der Straße treffen, um zu spielen und um ihre Gefühle fliegen zu lassen. Mit diesem Rhythmus identifizieren sich heute nicht nur die Nachfahren der afrikanischen Sklaven (ca. 6% der Bevölkerung Uruguays), sondern alle Uruguayer. (…) Candombe wird nur in Uruguay gespielt und repräsentiert das Land weltweit. Darüber und über seine Arbeit als Trommelbauer spricht der Künstler Fernando Nuñez, wahrscheinlich wegen seiner Erfahrung in diesem Bereich auch Lobo (der Wolf) genannt: „Ich gehöre zu der ältesten Familie, die hier in diesem Vorort (Barrio Sur, ein südlicher Vorort am Rio de la Plata) seit 1837 wohnt. Hier in der Nähe in „cubo del Sur“ (südlicher Würfel) war immer der Punkt, wo die Sklaven sich treffen durften.“ Nuñez betont, daß die Trommel das einzige kulturelle Erbe der Afrikaner in Uruguay sei. Andere Eigenschaften, wie Sprache oder Sitten wurden nicht beibehalten. Allerdings sei dieses Instrument, mit dem Candombe gespielt wird, keine afrikanische Tradition, sondern ein uruguayisches Schaffen: „Die Trommeln bestanden ursprünglich aus hohlen Stämmen, aber hier gab es keine solchen Stämme in der Natur; deswegen wurden Holztonnen benutzt, die auf die Schiffen kamen. Sie wurden umgebaut, um die Form der Trommel zu schaffen, weil die Holztonnen zwei Öffnungen von gleichem Durchmesser hatten und die Trommeln zum Candombe-Spielen brauchten zwei Öffnungen von unterschiedlicher Größe.“, erklärt Nuñez. Eine Trommel besteht aus Holz und Leder. Das Holz wird markiert und danach abgeschnitten, um die verschiedenen Teile („duelas“) zu haben. Sie werden dann gebogen und mit Ringen befestigt. Schließlich wird das Leder angefeuchtet und eingestellt. Es gibt drei verschiedene Trommelarten. Sie heißen „chico“, „repique“ und „piano“, und jede hat ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Klang. „Chico“ bedeutet auf Spanisch klein und bezeichnet die Größe des Instruments. Es gibt den höchsten Ton wieder, und sein Rhythmus soll, laut Nuñez, sehr monoton sein. „Repique“ ist ein bißchen größer als „chico“, aber doch kleiner als „piano“ und sein Klang würde viel mehr von der Muse des Spielers als von bestimmten Spielregeln abhängen. „Piano“ ist die größte Trommel. Sie hat deswegen den tiefsten Klang und erfüllt die Aufgabe eines Kontrabaß. Nuñez beherrscht die Kunst, aus einem Stück Holz ein Instrument mit wunderbarem Klang zu zaubern. Er setzt damit die Tradition seiner Vorfahren fort. *Erster Oscarpreisträger für ein auf spanisch gesungenes Lied