Rollenbild Stolz und Vorurteil

Rollenbild Stolz und Vorurteil

Iuliia Trachuk (Ukraine)

Iuliia
Meine Vorstellungen über das Leben im 18. Jahrhundert gründeten sich lange Zeit auf den englischen Film „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, den ich als Kind gesehen hatte. Damals hatte ich mich beim Anschauen dieses Films sehr amüsiert, über den Tanzstil, über die manierierten Verhaltensweisen und die hochgesteckten Frisuren der Frauen. Das alles war für mich als Kind sehr ungewöhnlich und interessant.

Ein zweites Mal habe ich diesen Film vor drei Monaten gesehen. Und jetzt finde ich ihn nicht mehr so lustig wie früher. Ganz im Gegenteil. Heute sehe ich den Film mehr im Licht seiner Zeit und verstehe, welch wichtige Rolle in dem Leben der reichen Gesellschaft damals der Ball spielte. Er hatte die Funktion eines Heiratsmarktes. Da die Frauen damals außerhalb des Hauses nicht allein spazieren gehen durften, war es normalerweise sehr schwierig jemanden kennen zu lernen. Dies war so gut wie nur auf dem Ball möglich. Deshalb versuchten die Eltern, die in hohem Ansehen standen, einige Monate vor dem Ball eine Einladung für ihre Familie zu erhalten. Nichts wurde dort dem Zufall überlassen, denn wenn man die Gelegenheit jemanden kennen zu lernen auf dem Ball verpasst hatte, musste man lange bis zum nächsten Ball warten.

Da damals viel Wert auf Anstand, Sitte, Moral und die Jungfräulichkeit der Frau vor der Ehe gelegt wurde, war der Umgang zwischen den Geschlechtern im Alltag streng festgelegt. Der Tanz war somit die einzige Möglichkeit körperlich Kontakt mit der Frau aufzunehmen. Beim Tanzen konnte man die Hand der Frau halten, sie sozusagen „berühren“, man stand ihr sehr nahe und konnte ihr in die Augen sehen, vielleicht auch zum ersten Mal, zumindest für die Dauer des Tanzes, einzelne Worte mit ihr wechseln, die von anderen ungehört blieben.

Das Heiratsthema war für die Familien damals von existentieller Bedeutung, da das Familiengut seiner Rechtsform nach ein Fideikommiss war und nur als Ganzes an den männlichen Erben vererbt werden durfte. Deshalb war es immer von Vorteil, wenn man einen Sohn hatte. So war gesichert, dass der Besitz in der Familie blieb. Da die Frauen damals nicht studieren und nicht arbeiten durften, waren sie vollkommen abhängig von ihren Ehemännern. Schon im Alter von 15 Jahren war es für sie wichtig, einen Mann zu finden, der bereit war, für sie zu sorgen. Jede für sich musste eine individuelle Balance zwischen Liebe, ökonomischer Sicherheit und Standeszugehörigkeit finden. Wobei der Faktor Liebe höchstwahrscheinlich nur von nachrangiger Bedeutung war. Mitunter spielte auch das Aussehen eine Rolle. So wie bei der besten Freundin der Hauptheldin in „Stolz und Vorurteil“. Sie war optisch nicht besonders attraktiv, außerdem schon 27 und ledig. Deshalb ergriff sie die erstbeste Gelegenheit und heiratete einen Mann, den sie zwar nicht liebte, der sie aber davor bewahrte, allein zu bleiben und zu verarmen.

Wenn ich diese Verhältnisse auch nicht herbeisehne, so gefielen mir dennoch die Manieren der Männer in dem Film. Mir gefiel, dass sie der Frau die Tür öffneten, ihr den Regenschirm trugen, damit sie nicht nass wurde, sie nichts Schweres tragen ließen, sie aufstanden, um eine Frau zu begrüßen und es ihnen ihr Anstand verbot, Frauen in der Öffentlichkeit zu beleidigen oder gar zu beschimpfen. Ich möchte nicht dazu aufrufen, sich genau so wie im 18. Jahrhundert zu verhalten, sondern wünschte mir nur, dass man höflicher und aufmerksamer miteinander umginge. Man sollte sich anständig und würdevoll anderen Menschen gegenüber benehmen und ihnen mit Respekt begegnen, unabhängig davon, welchem Geschlecht sie angehören.