Wandernde Identität

Wandernde Identität

Ruben Garcia Bruna (Spanien)

Ruben GarciaNeben den Voraussetzungen eines Hochschulabschlusses muss man viele Hürden überstehen, wenn man im Ausland studieren möchte. Ehrlich gesagt, bin ich hier ein Privilegierter: Meine mehrjährige Erfahrung in Deutschland ermöglicht mir eine gewisse Beherrschung der Sprache, Kenntnisse der sozialen Gewohnheiten und des akademischen Systems. Denn ich kam schon als Erasmus- Student nach Deutschland, genauer gesagt nach Bamberg. Außerdem habe ich durch meinen Status als EU-Bürger viele Vorteile, die mir meinen Aufenthalt in Deutschland erleichtern.

Mein erster Eindruck von Frankfurt war nicht besonders positiv. Zwar hatte diese Stadt, ihre Universität und ihre Tradition in den Sozialwissenschaften eine große Anziehungskraft auf mich, trotzdem fand (und finde) ich die Main-Metropole im Vergleich zu den traumhaften Städten in Bayern hässlich, durcheinander und einigermaßen identitätslos. Trotz dieser kritischen Punkte entschied ich mich aber für die Uni-Frankfurt, da sie eine enorme Forschungsfreiheit bietet und diese sehr gut zu meiner unabhängigen Arbeitsweise passt.

Meine Zeit in Deutschland hat mein Leben tief verändert und wesentliche Auswirkungen auf meine Lebenspläne und meine Weltanschauung gehabt. Zunächst ist auffällig, dass mein ursprünglich gedachtes Erasmus-Jahr zu einem viel längeren Aufenthalt geworden ist. Interessanterweise klingt das sehr ähnlich wie die Geschichte der Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre in Deutschland, die mit dem Vorsatz gekommen sind, nur eine begrenzte Zeit zu bleiben und letztendlich länger geblieben sind, in einigen Fällen das ganze Leben.

Ähnlich erlebe ich tiefgreifende Veränderungen in meinem Charakter und meiner Identität. Niemals war ich ein überzogener Nationalist (außer wenn es um Rotwein ging!), im Gegenteil, ich habe eher immer Kritik an meiner Heimat geübt. Bereits mit meinemUmzug nach Deutschland erfuhr ich jedoch eine kleine Identitätskrise und heute führe ich ein Doppelleben zwischen Spanien und Deutschland. Wenn ich in Spanien bin, vermisse ich Deutschland, und wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich Spanien. Außerdem sehe ich Spanien nicht mehr so kritisch, da ich dieses Land aus einer anderen Perspektive analysieren kann und damit seine Transformationen und Entwicklung in den letzten 30 Jahren besser auswerten kann. Ich führe nicht zwei Leben, die parallel laufen, sondern ein Leben, das zwei Seiten zeigt: Einiges an mir ist deutsch geworden, anderes immer noch spanisch geblieben.

Natürlich habe ich Sehnsucht und ich bin eher Spanier, wenn das überhaupt was zählt. Sowohl in Spanien als auch in Deutschland wird mir immer dieselbe Frage gestellt: Was machst du nach deiner Promotion? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu geben. Sicher stehen viele der ausländischen Studenten der Uni-Frankfurt vor derselben Frage. Wer weiß, vielleicht sind wir eine privilegierte Gruppe in einer dynamischen Welt, die zu unklaren Grenzen und sich schnell ändernden Prozessen neigt, und daher können wir diese Neuheiten besser verstehen und uns daran besser anpassen. Vielleicht aber auch nicht, und wir sind eher Schiffbrüchige ohne Kurs in einer Welt, die wir nicht mehr verstehen können, und die uns nicht mehr verstehen wird.

Nur eine Sache bleibt sicher: Egal wo ich lebe, werde ich eine starke Beziehung mit meiner Doppelheimat Spanien-Deutschland haben.